Der Schock (Teil 2)

Am nächsten Tag, Dienstag, versuche ich in der Schule so gut wie möglich zu funktionieren und den Schock über die Diagnose auszublenden.

Am frühen Abend treffe ich in der Praxis der Frauenärztin ein. Die langjährige Arzthelferin wiegelt mich ab und sagt “Die Vertretung ist so eine junge, unerfahrene Ärztin, die sich nur um die Schwangeren kümmert und mich bloß verunsichern würde.“ Nachdem sie das Fax des Esslinger Arztes gelesen hat, meint sie ganz trocken und unverblümt: „Bei Ihrer Diagnose dauert es eben ein Jahr; eine OP mit Chemotherapie und Bestrahlung, und dann ist es wieder gut.“ Ich bin sprachlos und fühle mich wie ein begossener Pudel. Sie sagt, dass ich in einer Woche wieder kommen und mir die Diagnose und die weitere Vorgehensweise von der Frauenärztin genauer erklären lassen soll. Eine ganze Woche soll ich mit dieser Diagnose im Nacken und keinerlei Klarheit, wie es weiter geht, aussitzen und abwarten? „Jesus, hilf mir, mit dieser Ungewissheit umzugehen. Ich weiß nicht, wann die OP sein wird. Ich kann nichts planen und keinen Termin festlegen. Das fällt mir schwer, Jesus. Ich spüre den Kontrollverlust über mein weiteres Leben. Ich übergebe dir, Jesus, die Kontrolle und die Planung für alles Weitere.

Im Laufe der Woche rufe ich jede einzelne der Töchter meines Mannes an, um ihnen persönlich von der Diagnose zu erzählen. Es schlaucht mich emotional, so dass ich nur häppchenweise jeden Tag eine Tochter anrufe. Sie sind ebenso wie ich tief betroffen. Mit jeder einzelnen halte ich die Ungewissheit aus, wie es mit mir weiter gehen wird, und auch den Schmerz und die Trauer um ihre eigene Mutter mit ähnlicher Diagnose.

Wie gut, dass diese Woche durch den Feiertag eine kurze Schulwoche ist! An Christi Himmelfahrt nehmen wir uns als Paar ausgiebig Zeit für Besinnung, für uns und mit Gott. Wir sitzen am Morgen im Garten, umrahmt von roten und rosafarbenen Tulpen und gelbem Hahnenfuß auf der Wiese. Wir atmen tief die Frische ein! Bibel, Kaffeetasse, Tagebuch und Stifte liegen griffbereit neben uns.

„Stammplatz im Garten“ © hsr

Mir fällt ein Vers aus dem Johannesevangelium ins Auge, den Jesus zu seinen engsten Freunden sagt: „Ich werde bzw. ich will euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch!“ (Johannes 14, 18) Als Waise müsste ich gucken, wie alleine zurechtkomme, ohne Anlaufstelle oder Unterstützung. Ich wäre völlig auf mich allein gestellt, auch gerade in dieser Situation. Doch hier spricht Jesus von seinem und meinem himmlischen Papa, der nicht weit weg oder abwesend oder unwillig ist, sondern der gerne zu mir kommt (in der Form des Heiligen Geistes) und mich besucht, der mit mir im Gespräch bleibt und mir beisteht und mir hilft. Wie schön!

Mein Mann hat ein Büchlein über Heilung (Christoph Häselbarth: Heilung – Wie wir für Heilung beten können“, Josua-Dienst) hervorgeholt und liest mir vor, dass Brustkrebs ggf. von Bitterkeit und Enttäuschung über Männer herrühren kann bzw. dass durch Groll über Männer wir dem Feind, Mr. Dunkel, Raum und Anrechte auf unser Leben geben können.

„Kann das auf mich zutreffen, Jesus? Nun, sehr gute Erfahrungen habe ich mit Männern nicht gemacht – mein Mann ist da eine Ausnahme! Ein naher Verwandter scheint sich nach dem Tod seiner Ehefrau nicht sehr für mich zu interessieren, da er selten anruft und mehr damit beschäftigt ist, wie er eine Philippinin, die er zufällig in Manila kennen gelernt hat, ins Land schleusen kann. Dabei ist er über 80 Jahre und die Freundin gerade mal 30 Jahre. Für mich grenzt diese Angelegenheit an Menschenhandel.“

Deshalb beten wir stellvertretend für diesen Mann: „Jesus, bitte vergib S., dass er seinen unreinen Gedanken freien Lauf lässt und aus eigenem Gutdünken und nur mit seinen Mitteln, ohne auf deine Möglichkeiten zu vertrauen, für sein Leben im Alter vorsorgen will und mit den schlechten Lebensvoraussetzungen dieser jungen Dame spielt. Ich löse mich von den Auswirkungen und Folgen dieser Schuld auf mich.“

Anschließend nehmen wir gemeinsam das Abendmahl als Stärkung ein. Dabei spüre ich, wie Jesus mich von diesem Negativem durch seinen Tod und seine Auferstehung befreit hat, was heute noch Gültigkeit hat.

Einen Tag später besuche ich meine Nichte in Augsburg, ihrem neuen Domizil. Ich erzähle ihr von dem Befund, und ich spüre ihre Angst um mich, die ich nun neben meiner eigenen aushalten muss. Wir erkunden gemeinsam die Stadt, gehen in einen Second-Hand-Laden und beraten uns gegenseitig. Dann fahren wir zum Gebetshaus und sind einfach still vor Gott. Dort singt gerade eine Lobpreisband ein altes Kirchenlied von Nikolaus Graf von Zinzendorf, das mich anspricht:

Auf die Liebe bau ich Häuser

gegen allen Sturm und Wind.

Christus lieben ist gewiss

Satans größtes Hindernis.

Wo er Liebe Christi siehet

Da ist‘s ausgemachet, er fliehet.

In mein Tagebuch notiere ich folgende Antwort auf dieses Lied: „Jesus, du darfst machen, was du möchtest. Ich erlaube dir, mit mir zu machen, was das Beste für mich ist, ein leidender Heilungsweg, bei dem ich dich noch mehr kennen – und lieben lerne oder eine kraftvolle Heilung, bei der ich dir die Ehre geben möchte. Mein Herz gehört dir! Meine Brust gehört dir! Mein Leben gehört dir!“ Dann sehe ich noch ein inneres Bild vor meinen Augen: Ein Drachen spuckt Feuer in meine Richtung. Jesus ist auch auf der Bildfläche. Er sagt zu mir: „Schau in meine Augen! Denn wenn du den Drachen  – deine Diagnose Krebs – betrachtest, steigen deine Ängste. Ich stelle mich hinter dich und halte einen spitzen Pfeil in der Hand, mit dem ich dem Drachen ein Ende bereiten werde.“

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