„Auli“

Mein Mann hat mich 6 Wochen nach der letzten Bestrahlung zur Reha nach Aulendorf gefahren. Es ist meine erste Reha – Rehabilitation d.h. Wiederherstellung

Jesus, das wünsche ich mir – vollkommene Wiederherstellung!

Schon beim Warten auf die Aufnahme sehe ich viele Menschen, die richtig krank aussehen und z. T. mit Rollator laufen müssen oder Kehlkopfkrebs hatten und anders sprechen.

Nach dem Aufnahmegespräch mit der Ärztin komme ich in mein schönes großes Zimmer mit Balkon. Es wirkt wie ein friedlicher Ort. Die anderen Patienten sind freundlich und ich lerne schnell ein paar nette Frauen in meinem Alter kennen. Danke, Jesus!

Ich merke schnell, dass ich hier ein gutes Gespür für meine Bedürfnisse brauche, wann es Zeit ist zum Zusammensein mit anderen und zum Zuhören und wann Alleinsein mit meinem himmlischen Liebhaber dran ist.

Herr, hilf mir dabei.

Am zweiten Abend spaziere ich zur nahegelegenen Schönstattkapelle auf einer Anhöhe. Ich freue mich riesig, dass ich von hier die Alpen sehen kann. Die schneebedeckten Berge sind schon lange für mich ein Gruß des himmlischen Papas. Als ich da so dieses Panorama genieße, sehe ich wie einer der Fußball spielenden Jugendlichen auf dem Fußballfeld gleich unter der Anhöhe stürzt und liegen bleibt. Zuerst denke ich mir nichts dabei. Doch als die anderen Jugendlichen sich um den jungen Mann herum knien, bin ich besorgt und frage, ob sie Hilfe brauchen können. Ja! Ich bitte einen Passanten, der seinen Hund ausführt, ob er einen Notruf absetzen könne, ich selbst weiß ja gar nicht so richtig, wo ich hier bin. Ich bemerke, wie die Jugendlichen abwechselnd Herzmassage und Nasen-Mund-Beatmung durchführen. Ich laufe zum nächstliegenden Konferenzzentrum, um zu erfragen, ob es dort einen Defibrillator gibt, doch bekomme ich keine Antwort und stehe vor verschlossenen Türen. Nun wenn ich nicht praktisch helfen kann, dann habe ich eben einen Gebetsauftrag für diesen mir völlig unbekannten jungen Mann. Es kommen immer mehr Jugendliche, die diesen Mann kennen. Ich gehe ein wenig auf Abstand, um nicht so eine typisch Schaulustige zu sein und bete für das Leben dieses Mannes, „was das Zeug hält“. Dann sehe ich endlich, wie ein Notarztauto und Krankenwagen kommen und die Sanitäter und der Arzt versuchen, den Mann wieder zu beleben und ihn schließlich mitnehmen. Ich gehe zurück zur Klinik. So habe ich meine erste Erkundungstour nicht vorgestellt.

Neben Atem- und Beckenbodengymnastik und Gehen stehen bei mir auch Kunsttherapie in Form von Malen und Schreiben und Musiktherapie und Singen auf dem Programm. Beim Singen sitzen wir im Kreis und singen Volkslieder auf Zuruf. Das Ganze ist ohne musikalische Begleitung und klingt für meine Ohren schräg. Abends gehe ich zu einem Gitarrenkonzert, da ich spanische Gitarrenmusik sehr gerne habe. Ich bin überrascht und bald auch überreizt von so vielen disharmonischen Tönen und einem Künstler, von dem nichts an positiver Stimmung rüberkommt – und das in einer onkologischen Klinik! Nach dem Konzert komme ich mit einer Frau aus einer anderen Klinik ins Gespräch. Sie erzählt von einer gedrückten Stimmung in der Klinik, da ein junger Mann beim Fußball spielen zusammengebrochen und im Krankenhaus gestorben ist.

Oh, das war der Mann, für den ich so gebetet habe! Verstehen kann ich das nicht, Gott!

Jesus legt mir nahe, dass ich zur inneren Stärkung in diesem Umfeld das Abendmahl einnehme. Und es hilft mir, täglich Seine Liebe und übermäßige Fürsorge für mich zu vergegenwärtigen.

Foto vom Steegener Seebad © hsr

Wie gut, dass ich mein Fahrrad mitgenommen habe! So kann ich jeden Tag zum Steegener See radeln, um dort eine Runde zu schwimmen. Dieser warme Moorsee mit wunderschönen Seerosen im Wasser sind so ein schöner Anblick und die Ruhe dort kann ich mehr genießen als im Thermalbad, das an die Klinik angrenzt. Außerdem fahre ich an den Wochenenden oder an freien Nachmittagen gerne weg und erkunde die Gegend: Bad Schussenried oder Bad Waldsee mit dem Fahrrad, Ravensburg und Friedrichshafen mit der Bahn. Ich liebe es, schöne Natur und Umgebungen zu entdecken, wie es meine neuen Elfchen oder Haikus beschreiben:

Gott
genialer Schöpfer
kreativ und vielfältig
Er sprüht vor Ideen
herr-lich!
Schöpferisch tätig
pure Schönheit und Vielfalt
Gott übertrifft sich.

Außerdem brauche ich Auszeiten von den „Negativ-Plauderer“, wie ich sie nenne. Viele Menschen erzählen ihre Krankheitsgeschichte – das ist ja auch, was uns verbindet – doch Gespräche über Rezidive und Tumore oder Polyneuropathie etc. werden mir schnell zu viel. So viel Leid, Krankheit und „Todesgeruch“ an einem Ort. Um diese Situation zu verarbeiten, entstanden die folgenden Gedichte:

Schlapp
Mich aufraffen
Nicht liegen bleiben
Ich will wieder leben
Auferstehung!
Dich will ich nicht mehr!
Du bist überwunden, Krebs!
Bleib mir vom Halse!

Ich bekomme Besuch von meinem Mann und wir unternehmen eine kleine Wanderung. Oder ich bekomme Besuch von einer Freundin, die in der Nähe wohnt. In Friedrichshafen treffe ich eine Freundin, die ich schon 37 Jahre kenne. Wir fahren mit der Fähre nach Romanshorn und wieder zurück und genießen tiefe Gespräche und das Seelüftchen an diesem heißen Tag. Das ist so wohltuend.

Ich richte mich auf.
Er eröffnet mir Zukunft.
Gute Aussichten!

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