Die Uhr – unser moderner Götze?

Als ich während meines Lehrerdaseins kürzlich morgens nach einer schönen Gebetszeit mit Gott im Auto in unser Lehrerzimmer komme und noch kein anderer Lehrer oder keine andere Lehrerin da war, stellte ich plötzlich etwas fest, was mir wie eine göttliche Einsicht vorkam: Ich sah unsere Uhr – hoch oben an dem zentralsten Platz, nach der ich immer wieder im Alltagsgeschehen schaue. Mir wurde klar, dass sie für mich wie ein Götze geworden ist, nach der ich mich ständig richte. Natürlich soll ich pünktlich im Unterricht sein, aber wo ist daraus eine Versklavung geworden, so dass ich z.B. bei all der Unterrichtsvorbereitung keine Zeit mehr habe für einen Plausch mit Gott?

„Verkehrte Uhr“ – Foto © hsr

Die Zeit ist doch auch nur etwas von Gott Erschaffenes, die ich achten soll, nach der ich mich aber nicht ständig orientieren und ihr nachjagen soll. Von einem Kollegen habe ich mal den Tipp gehört, doch Gott zu fragen, wie lange ich an der Unterrichtsplanung sitzen soll. Das habe ich beherzigt. Und deshalb bitte ich Gott öfters, in meine Zeit der Unterrichtsvorbereitung zu kommen, mir kreative Einfälle zu schenken (Wer sonst ist denn so kreativ wie Er?) und mir bei der Arbeit, die für einen Lehrkraft ja nie wirklich aufhört, zu zeigen, wann ich sie getrost beenden kann und soll.

Ich habe gemerkt, dies trifft ja auch auf meine jetzige Arbeit außerhalb der Schule zu.

Gott, Herr aller Zeit und Zeiten, vergib mir, wo ich meine Zeit und Zeitplanung immer wieder selbst in die Hand nehme und darin Dich nicht frage und sie dann doch nicht in den Griff bekomme. Komm Du jetzt in meine Zeit und gib mir Weisheit im Umgang mit ihr.

Zerfetzt

Da waren sie, meine Ankläger, stolz und selbstgerecht, schieben mir alle Schuld in die Schuhe, bezichtigen mich des Ehebruchs und meinen noch frech: „Du hast es doch selbst so gewollt, du Nutte!“

„Zerfetzt“ – Acryl auf Leinwand © hsr

Doch eines verdanke ich ihnen: sie brachten mich zu Jesus und machten mich mit ihm bekannt, allerdings auf unfeine und entwürdigende Art. Sie provozierten Jesus, er solle doch endlich das Kommando, für den „Steine-Hagel“ geben.

Doch dieser Mann, Jesus, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, er bückt sich und malt in den Sand. Überhört er sie? Überhört er sie bewusst? Minuten werden für mich zu Stunden. Was wird aus mir? Mein Leben hängt an einem einzigen Faden.

„Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“

Mit diesem Wort verscheucht er sie, einer nach dem andern zieht seinen Schwanz ein und schleicht davon. Nun bin ich mit diesem sonderbaren Mann, Jesus, allein. Ich fühle mich innerlich gespalten – ambivalent: Zum einen schätze ich es sehr, dass er mich vor diesen Männern geschützt hat; zum andern habe ich Angst, dass dieser Mann meine Verletzlichkeit ausnutzt und mich als Freiwild behandelt.

Dann steht er auf und sieht mir in die Augen: Er nimmt das Gespräch mit mir auf, so, als ob wir auf einer Ebene stünden, mit mir – einer Frau! Ich wäre am liebsten vor lauter Scham in den Boden versunken.

Er fragt mich nach meinen Anklägern. Will er aus meinem eigenen Mund die Wahrheit hören, dass es für mich keine Ankläger mehr gibt, weil er sie mundtot gemacht hat? Will er mir meine neugewonnene Weite und meinen neuen Handlungsspielraum bewusst machen, wo ich wieder ganz Frau sein kann?

„Dann will ich Dich auch nicht verurteilen.“

Diese Worte klingen wie Balsam für meine Seele. Inneres Aufatmen. Jesus spricht mich von aller Scham und Schuld frei. Dieser Mann, Jesus, behandelt mich als wertvolle, ebenbürtige Frau. Er holt mich heraus aus meiner Opferrolle und meiner Selbstverdammnis und übergibt mir selbst die Verantwortung für mein Leben, damit ich mich nicht selbst wieder knechten lasse.

Nach dem Lesen der Geschichte aus dem Neuen Testament (Johannesevangelium Kapitel 8)

Dank – Glück

Kennen Sie das auch? Man wünscht Ihnen „Viel Glück“? Oder „Kopf hoch – immer nur positiv bleiben!“ Doch positives Denken ist anstrengend. Und es macht mich selbst im Zentrum. Glück, das mir zufällt, macht mich vielleicht glücklich, doch der Absender ist unbekannt und bleibt anonym.

Danken ist positives Denken und ein Hinwenden an einen bestimmten Menschen und an Gott, den Verursacher von zugefallenem „Glück“. Ich sage: „Dankeschön“. Danken heißt: Ich kenne den Adressaten und wir freuen uns beide darüber. Doppelte Freude!!

Foto © hsr

Einsatz für das Leben

Wir fliegen eine Woche nach meiner OP mit einer Reisegruppe von 22 Leuten nach Israel. Ich sehne mich danach, mal nicht nur Krankenhaus- und Arzttermine wahrzunehmen. Tapetenwechsel wird mir gut tun.

Wir bereisen den Norden bis zur libanesischen und syrischen Grenze und den Süden bis zur Grenze zu Gaza, den Westen rund um Tel Aviv und Judäa und Samaria. Ich staune über das Land und die jüdischen Bewohner, wie sie sich für ihr Leben – Überleben im Land – vor der Staatsgründung bis heute mit ihrem ganzen Leben einsetzen, trotz der Gefahr und die täglichen Ängste, ob die eigenen Kinder auch sicher in die Schule und von der Schule heim kommen werden, denn die meisten Terrorakte finden genau zu diesen Uhrzeiten statt.

Ich beginne ein wenig mehr zu begreifen, dass uns Menschen zwar das Leben hier auf der Erde von Gott geschenkt wurde, dass es aber auch einen Feind gibt, der mit Krankheit, Schicksalsschlägen und Auseinandergehen von Beziehungen uns das Leben stehlen will. Manche geben sogar Gott die Schuld dafür – das tut mir weh! Wenn ich nichts tue mit der inneren Einstellung “Es kommt doch alles, wie es kommen muss“ gebe ich diesem Räuber eine offene Einladung: „Komm, nimm mir doch meinen Lebenssaft!“ Dabei bietet Jesus das Leben in Fülle an, in dem er sagt:

„Der Dieb kommt nur, um die Schafe zu stehlen und zu schlachten und um Verderben zu bringen. Ich aber bin gekommen, um ihnen Leben zu bringen – Leben in ganzer Fülle.“ (Johannesevangelium Kapitel 10, Vers 10 nach NGÜ)

Doch dieses Leben im Hier und Jetzt und auch das kommende Ewige bekomme ich nicht automatisch. Ich muss es wie ein Geschenk von Jesus auf mich beziehen und in meine Hände nehmen und auspacken. Und wenn der Räuber mir wieder Lebensfreude oder inneren Frieden durch Krankheitssymptome nehmen will, geht es mir darum, dass ich dieses geschenkte Leben verteidige, und ich sage laut vor mich hin:

„Hau ab! Du hast hier nichts zu suchen. Weg mit den Symptomen! Ich nehme sie nicht an!“

Und bildlich gesprochen greife ich in die himmlische Schatzkammer und hole mir Gelassenheit, Trost, Zuversicht und Heilung.

Zugang zu Gottes Schatzkammern – Aquarell © hsr

Auch wenn ich nicht immer gleich eine sofortige Heilung oder Veränderung spüre, gehe ich glaubend davon aus und tue so, als ob die positive Veränderung schon von Gott auf dem Weg zu mir ist und ich sie bald zu 100% in meinen Händen halten werde. Das allein ist ein dauerhaftes Trainingsprogramm, das ich mit meiner Auszeit begonnen habe.

Tanz im Wind

Tanz im Wind – Mischtechnik © hsr

Ich mag den Wind, wenn er meine Haut berührt und zart streichelt, wie er mir durchs Haar streicht und meine Haare im Wind flattern.

Ein willkommener, zärtlicher Gruß von Dir, Jesus? Danke, dass ich jetzt so fühlen kann!

Ich kann mich noch gut an meine „Eiszeit“ erinnern, wo mein Gespür dafür völlig abgestumpft, kaum vorhanden, war.

Gegen Ende meiner „Eiszeit“ habe ich Dir den bisher versteckt gehaltenen Raum im Keller meines Lebenshauses mit Zittern und Zagen aufgeschlossen und eröffnet.

Du hast diesen für mich mit Angst besetzten Raum, den Raum meiner Sexualität, eingenommen mit Deiner Gegenwart und ausgeleuchtet mit Deinem wärmenden Licht.

Dann hast Du angefangen aufzuräumen, Dinge, die am falschen Platz waren, wieder an die richtige Stelle gerückt und falsche Vorstellungen korrigiert.

Mit großer Leichtigkeit hast Du Dich in diesem Raum bewegt, ja sogar getanzt und mich zum Mittanzen eingeladen.

Ich kann nur staunen über die selbstverständliche Art Deiner Bewegungen und mit Freude habe ich Dir dabei zugesehen. Ich wusste, bald werde ich mit Dir in diesem Raum tanzen.

Den Wind am ganzen Körper Spüren und die Sinnlichkeit des Moments Aufsaugen ist erst die Vorstufe für den Tanz aller Tänze.

© hsr

Operation

Heute denke ich an die Diagnose, die ich vor vier Jahren bekommen habe und mich und unser Leben durcheinander geschüttelt und erschüttert hat. Ich staune auch darüber, wie Gott aus dem Negativen und Bösem der Diagnose Gutes hat wachsen lassen: neue Haare, neue Job, neue Beziehungen. So herr-lich ist Gott!

Und ich erinnere mich an die OP:

Heute ist der Tag! Mein Köfferchen ist gepackt. Ich bin bereit. Mein Mann segnet mich und stellt mich unter den Schutz meines himmlischen Papas und fährt mich zum Krankenhaus und übergibt mich den Krankenschwestern für die OP-Vorbereitung. Ich bin die vierte auf der Liste. Na, das hört sich gut an. Ich habe mir schon vorgestellt, wie es sein würde, durstig und ausgetrocknet auf eine OP zu warten und dann erst nachmittags dranzukommen und wie dann die Angst häppchenweise in mir hochklettern würde.

Einige Tage vor der OP klopft die Angst vor der Narkose, vor der OP, vor den möglichen Schmerzen und dem Krankenhausaufenthalt an und will mich bedrücken.

Danke, himmlischer Papa, dass du zärtlich fürsorglich und gut bist. Ich entscheide mich, dir, meinem Ratgeber und Friedefürst mehr zu glauben als den aufkommenden Ängsten und Lügen.

Ich habe eine andere Strategie: ich möchte einen spannenden israelischen Krimi lesen. Ich frage die Krankenschwester, ob ich ihn bis kurz vor der OP lesen kann. Sie ist eine Nette und erlaubt es mir. So kann ich meine Gedanken auf etwas anderes lenken und diesen Krimi wollte ich schon lange mal lesen. Doch vorher gibt es ein Problem. Der Radiologe hat Schwierigkeiten, das Tumorbett zu lokalisieren. Bei der letzten Mammographie vor einem Monat konnte der eingebaute Clip nicht mehr klar identifiziert werden. Er probiert eine Möglichkeit, ihn zu orten, doch dieser Versuch scheitert an technischen Problemen. Innerlich wende ich mich an meinen himmlischen Papa und bitte ihn um eine Lösung. Der Radiologe beschließt, es eben doch nochmal mit einer Mammographie zu versuchen, und siehe, da, der Clip ist sichtbar. Er betäubt die Brust mit einer kleinen Spritze und kann seinen Draht bis zum Clip hinein schieben.

Von der OP bekomme ich nichts mit und bald liege ich auf Station. Jetzt darf ich wieder trinken und erwarte sehnsüchtig das Abendessen, das ich mir aussuchen darf. „Es ist gut verlaufen“ meint der operierende Arzt abends. „Ich glaube, wir haben alles herausgenommen“. „Schön!“, sage ich hoffnungsvoll.

„Wollen Sie eine Thrombosespritze oder ein wenig umher laufen?“ werde ich von einer Krankenschwester gefragt, die zugibt, dass die Thrombosespritze nicht auf der Ausgabeliste für mich steht. Nach meinen gestrigen Erfahrungen von dem Piekser, der es in sich hatte vom Nuklearmediziner, entscheide ich mich für vorsichtiges Herumlaufen. Hätte der Nuklearmediziner es nicht auch so machen können wie der Radiologe heute Morgen und mir eine lokale Betäubung geben können? Ich spüre, wie mir dies keine Ruhe lässt und wie ich immer noch Groll gegen diesen Arzt hege. Mein himmlischer Papa flüstert mir ins Ohr und fragt mich, ob ich bereit bin zu vergeben. Doch in meinen Emotionen tobt es noch immer: Wie kann er so gefühllos und unsensibel sein und Frauen wie mir keine örtliche Betäubung anbieten? Doch ich treffe eine Willensentscheidung – ohne bzw. gegen meine Gefühle.

Jesus, du hast mir so viele Fehler vergeben, wo ich dich bewusst oder unbewusst verletzt habe. Du hast für mein „Zu-Schulden-kommen“ am Kreuz unter Todesqualen gelitten, damit Freiheit von Schuld und Scham für mich möglich wird. Und so entscheide ich mich jetzt, diesem Arzt zu vergeben, dass er mir so wehgetan hat. Und ich entlasse ihn in die Freiheit meiner Vergebung und werde es ihm nicht nachtragen. Ich danke dir für die empfangene Vergebung.

„Festhalten“ – Mischtechnik mit Gipsbinden © hsr

Ich spüre eine befreiende Leichtigkeit aufkommen. Meine Gefühle für den Arzt werden schon noch meiner Willensentscheidung folgen. Und einige Tage später gebe ich ihm eine freundliche und positiv formulierte Patientenrückmeldung ab, in der Hoffnung, dass andere Frauen besser – mit weniger Schmerzen – behandelt werden.

Im Krankenhaus höre ich Lobpreislieder mit den Stöpseln im Ohr oder plaudere mit meiner Bettnachbarin mit stattlichen 88 Jahren auf dem Buckel. Wie schön, dass ich schon wieder aufstehen und langsam mit den Drainagen in einer Tasche versteckt herumlaufen kann. So nutze ich die sonnigen Tage und lese im Park meinen angefangenen Krimi.

Von den Ärzten angeordnet muss ich einen speziellen engen BH Tag und Nacht tragen und darf nicht schwer tragen. Auf Fahrradfahren und anderen schweren Sport soll ich für 6 Wochen auch verzichten. Das ist eine lange Zeit für eine begeisterte E-Bikerin wie mich!!! Ich entwickle eine neue Strategie: Ich frage eine andere Ärztin. Sie verkürzt auf 4 Wochen. Bei dem Abschlussgespräch nach 3 Wochen frage ich wieder und ich bekomme eine zufriedenstellende Antwort: „Sie dürfen den Arm schon wieder richtig, wenn auch vorsichtig, bewegen und Fahrrad fahren dürfen Sie auch!“ „Außerdem wurden keinerlei bösartige Krebszellen im Tumorbett und in den zwei Lymphknoten, die wir entfernt haben, gefunden.“

Wie glücklich und dankbar bin ich über diese Aussage, wo ich doch vorher nochmals die wichtigen Worte, die Gott mir durch die Bibel zugesagt hat, laut über mir ausgesprochen habe. Für mich sind solche Zusagen Gottes wie der Stab, auf den man sich beim Hochsprung stützt, um die notwendige Höhe zu bekommen, um über das Hindernis zu springen.

Ein Piekser, der es in sich hat!

„Aua“ schreie ich und Tränen laufen mir aus allen Knopflöchern. Der Arzt meint nur ganz gelassen: „So nun haben wir die erste.“ „Aua“, schreie ich wieder und weitere Tränen laufen wie kleine Rinnsale über mein Gesicht. Ich fühle mich ganz benommen von diesem Schmerz. „So jetzt sind wir fertig! Sie können im Wartezimmer Platz nehmen und ungefähr eine Stunde warten.“ Schnell ziehe ich mir etwas über und wanke ins Wartezimmer. Noch immer laufen mir die Tränen. Ich kann sie nicht stoppen. Wie peinlich! Denn im Wartezimmer sitzt eine Frau. Aber ich kann nicht anders. Der erlebte Schmerz kommt immer wieder hoch und lässt mich vor mich hin winseln, wo ich doch sonst eigentlich ganz tapfer bin. Aber solche Schmerzen habe ich noch nie erlebt. Ich versuche mich zu beruhigen. Ich ziehe meine Ohrstöpsel und mein Handy aus dem Rucksack und höre per Youtube Lobpreislieder und sehe durch einen Tränenschleier die dazugehörigen schönen Landschaften an. Dies beruhigt meine Seele ein wenig, wenn da nicht die Whatsapps einer guten Freundin kommen würden, die sich durch ein Foto eines Projekts, das ich ihr so ganz ahnungslos geschickt habe, aufregt, dass die Wessis meinen, sie wüssten alles besser als die Ossis. Oh, da habe ich gerade unbewusst ihren Nerv getroffen. Aber ich kann und mag jetzt nicht mit ihr über Whatsapp darüber diskutieren, nicht in dem Schmerz, der mich gerade benebelt. Tut mir leid, aber jetzt kann ich dein Gejammer nicht anhören und nicht vertragen.

Nach 40 Minuten werde ich wieder ins Behandlungszimmer gerufen. So halbnackt liege ich da und warte. Na gut, ich kann ja meine Antenne zu Gott ausfahren. Überhaupt habe ich mir angewöhnt, im Alltag oder wenn ich in einer Röhre gesteckt werde, leise in der Geheimsprache mit meinem himmlischen Papa zu kommunizieren. Und so liege ich nun da und warte. Die Zeit vergeht. Der Blick zur Arzthelferin ist verdeckt durch die Röhre. Ich bewege mich, um ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen. Mir ist sooo kalt. Sie kommt aus dem Nebenzimmer heraus, an dem sie schon längere Zeit vor dem Computer verbracht hat. Ich erkläre ihr mein Anliegen, dass ich friere, und sie bringt mir eine Decke. Der Arzt lässt auf sich warten. Dann kommt er, und ich zucke zusammen. Er meint: „Jetzt tue ich Ihnen nicht mehr weh!“ Gut so, denke ich, das war vorhin auch wirklich genug. Weiß er überhaupt, wie weh es tut, wenn man einer Frau in die Brustwarze piekst und radioaktives Zeug spritzt? Und das gleich zwei Male! Höllische Schmerzen! Nun werden von meiner rechten Brust von allen Seiten Aufnahmen gemacht. Die radioaktive Flüssigkeit soll von der Brustwarze bis zu den Lymphknoten unter der Achsel wandern und so diese markieren. Ich bekomme sie auch äußerlich mit schwarzem Edding markiert mit dem Auftrag „Bitte nicht waschen!“ Na gut, auf eine Dusche einen Tag vor meiner Brust-OP kann ich verzichten. Der Arzt verabschiedet sich zweisilbig. Endlich darf ich gehen! Nichts wie raus hier! Wo bleibt denn hier die Menschlichkeit? Zu diesem Nuklearmediziner gehe ich nie wieder, denke ich. Der ist mehr an der Medizintechnik interessiert als an seinen Patienten. Wie bin ich froh, dass ich nun endlich gehen darf.

Da war ich auf 11 Uhr bestellt und komme erst um 13.15 heraus. Es ist unser zweiter Hochzeitstag. Ich habe ihn mir schöner vorgestellt. Ich schreibe meinem Mann eine Nachricht und erkläre ihm kurz, dass die Sentinelmarkierung ganz grausam war und ich seelisch noch sehr mitgenommen bin von solch fiesen Schmerzen. Wir treffen uns und radeln gemeinsam los zu dem Restaurant, in dem wir vor zwei Jahren unsere Hochzeit gefeiert haben. Wir müssen uns beeilen, denn die Küche hat nur bis 14 Uhr geöffnet und das Restaurant liegt auf einem Berg.  Wir radeln los – ich mit E-bike und mein Mann mit seinem speziell angefertigten Rennrad, das schon über 20 Jahre alt ist. Ich fahre mit meinem Bike voraus und warte oben auf der Anhöhe auf ihn. Aber er kommt und kommt nicht. Komisch! Sonst ist er doch viel schneller. Ich beschließe zurück zu fahren, und nehme bei einer Wegkreuzung einen anderen Weg. Vielleicht ist er anders abgebogen als ich.

Jesus, lass uns doch in dieser uns unbekannten Gegend wieder zusammenfinden.“

Um die Kurve treffe ich auf Hartmut. Wie gut! Da die Zeit weiter fortgeschritten ist, entschließen wir uns, unser Hochzeitsrestaurant aufzugeben und einfach zu „unserem“ Italiener auf dem Heimweg zu radeln. Ich habe so richtig Hunger und bin schon ein wenig unterzuckert. Doch „unser “ Italiener hat zu, die Zweigstelle hat gerade noch offen und wir dürfen als einzige Gäste noch Pizza und Salat bestellen. Wir bedanken uns besonders und erklären der Kellnerin, dass wir heute unseren zweiten Hochzeitstag feiern. Sie freut sich mit. Natürlich hätte ich auch selbst kochen können, aber so war es doch schöner.

Wie so oft hat mir ein Mittagsschläfchen wieder sehr gut getan. Das hilft mir häufig bei solchen inneren Anstrengungen und Verarbeitung von Schmerz.

Abends habe ich mich dann chic gemacht und mein Hochzeitskleid angezogen. Was soll es auch nur im Schrank hängen? Einmal im Jahr will ich es herausholen und damit unsere Ehe feiern.

Ich habe mir den zweiten Hochzeitstag zwar anders vorgestellt, aber feiern werde ich trotz Eintrübung durch die höllischen Schmerzen! Es gibt auch ein heiliges Trotzdem!

Der himmlische Friseurbesuch

Kennst du die neue Serien-Verfilmung „The Chosen“ über Jesus? Sie ist derzeit auf Platz 1 der SPIEGEL Bestsellerliste. Sie zeigt Begegnungen von Frauen und Männern des ersten Jahrhunderts mit diesem Jesus. Und er ist so erfrischend anders – voller Lebensfreude, Zuneigung und Verständnis für einzelne Menschen.

Nun in ähnlicher Weise habe ich eine überraschende Begegnung mit Jesus gehabt. Damals Anfang Dezember habe ich noch NULL Haare auf dem Kopf gehabt und das Ende der gefühlt endlos mutenden Chemos ist noch nicht greifbar gewesen:

Ich sitze bei Jesus, dem himmlischen Friseur. Er zeigt mir mit einem Spiegel meinen neuen Haarschnitt: dunkelblond und lockig. Er fragt mich, wie mir mein neuer Haarschnitt gefällt. Dabei lächelt mich Jesus verschmitzt an und meint:

„Jetzt passt und sitzt deine Krone viel besser auf deinem Kopf als vorher.“

Ich bin überwältigt, mit welcher Liebe und Sorgfalt Jesus meine Bedürfnis nach Schönheit und schönen Haaren kennt und ich beginne, mich regelrecht auf meine neuen Haare zu freuen.

Nach schon einem weiteren Monat wächst ganz langsam neuer Flaum. Erst einmal grau!? Doch bin ich so stolz darauf, dass ich immer öfter ohne Kopfbedeckung oder Perücke herum laufe. Allerdings mit schönen neuen langen Ohrringen! Die sind jetzt wichtig.

Ich sehe aus wie das typische Bild, das viele von einer Feministin haben, und muss darüber schmunzeln, da ich so wenige Eigenschaften einer Feministin in mir sehe.

Zwei Monate später – nach diesem Besuch beim himmlischen Friseur – kann ich endlich die letzte Chemo absolvieren. Nach acht langen Monaten der Chemotherapie!!! ENDLICH! Halleluja!

Nach weiteren drei Monaten feiere ich regelrecht meinen neuen Look – dunkelblonde lockige Haare!!! Und feiere Jesus, den besten Hairdesigner!

Himmlischer Papa

Warum kommt die Romanfigur Harry Potter eigentlich so gut bei Kindern und Jugendlichen an? Wodurch können sich so viele Menschen mit Harry identifizieren? Haben Sie sich dies schon einmal gefragt?

Harry Potter wächst bei Stiefeltern auf und fühlt sich in seiner Welt fremd und ungeliebt. Und dieses Gefühl des nicht wirklich Geliebt- und Angenommenseins kennt fast jeder heutzutage zu einem gewissen Grad. Ich auch!

Im Internat stößt Harry Potter auf mehrere Vaterfiguren und erfährt etwas von seiner wahren Herkunft und von den Talenten, die in ihm schlummern. Dies beflügelt ihn und stärkt sein Selbstvertrauen. Es ermutigt ihn, seine Fähigkeiten weiter zu entwickeln und Abenteuer zu bestehen.

Ist dies nicht auch so, wenn wir als Menschen unsere wahre Herkunft kennen würden? Wenn wir erkennen und ergreifen würden, dass wir einen himmlischen Papa haben?

„Geborgenheit“ – Acryl mit Mischtechnik © hsr
Ungewollt,
ungeplant,
eigentlich war ich ein
Betriebsunfall meiner Eltern.

Doch Gott spricht: 
"Bei mir gibt es keine Pannen,
Du bist kein Unglück
und kein Missgeschick."

Ich, dein liebender Vater,
habe dich gewollt und geplant, 
so, wie du jetzt bist,
noch bevor deine Eltern zusammen kamen.

Und wenn du mich lässt,
übernehme ich - für alle Ewigkeit - 
alle Rechte und Pflichten 
eines Vaters für dich."