Durststrecke

Es ist Oktober. Ich sitze in der Gyn-Ambulanz zur Blutabnahme. Meist nehme ich mir etwas zum Stricken mit, denn ich werde wohl wieder lange warten müssen. Warten auf die Blutergebnisse! Warten auf die Ärztin! Warten auf den nächsten freien Stuhl, um die Chemo-Infusion zu bekommen!

Doch ich bekomme schlechte Nachrichten: meine Blutwerte sind zu schlecht, dass sie mir heute keine Chemo geben können. Hm! Was mache ich jetzt? Dabei wurde ich extra mit dem Taxi hergefahren, weil ich ja nach der Chemo nicht so ganz „zurechnungsfähig“ fürs Auto fahren bin. Soll ich mir ein Taxi rufen zur Heimfahrt? Eine neue Situation für mich nach 5 wöchentlichen Chemos! Ich beschließe die 8 km ganz langsam heimzulaufen. Nach dem Mittagessen bin ich davon ziemlich erschöpft und schlafe zwei Stunden.

Die Woche drauf klappt es wieder mit der Chemo. Schön! Denn ich will endlich fertig werden mit dieser Behandlung. Vielleicht schaffe ich es noch vor Weihnachten! So ist meine Hoffnung.

Doch mein Körper „holt“ sich immer wieder Erholungspausen – einmal sogar 4 Wochen lang. Mal sind es nicht genug Leukozyten. Mal sind es die Neutrophile. Die Behandlung zieht sich wie ein Kaugummi. Und ich bin müde von diesem Ausnahmezustand und der ermüdenden Behandlungszeit. Eigentlich hätte ich doch in 12 Wochen fertig sein sollen.

Jesus, warum auch noch das? Warum kann ich die Sache nicht einfach schnell hinter mich bringen?

„Ich stretche dich wie mit einem Thera-Gummi-Band. Es ist keine Überforderung sondern ein Fitnessprogramm für dich – ohne Muskelkater.“

Über diese Antwort bin ich nicht besonders glücklich. Ich frage mich und Jesus:

Soll ich die Chemo abbrechen? Denn der Tumor ist ja komplett weg. Warum brauche ich da noch weitere Chemo?

Ich bewege diese Frage immer wieder vor Gott, aber ich bekomme keine klare Antwort. Nur einen Rat von guten Freunden:

„Hör nicht auf das, was deine Gefühle sagen, sondern nimm wahr, wofür du Frieden (von Gott) im Herzen hast.“

Ich habe keinen Frieden zum Abbrechen, vor allem auch weil die Ärzte mir davor abraten. Also gut. Machen wir – Jesus und ich – weiter mit dieser ermüdenden Behandlung!

Es dauert bis Mitte Februar, dass ich meine letzte Chemo bekomme, dabei hätte ich laut Plan Ende November fertig sein können. Was für eine Training in Geduld und Ausdauer!

Nichts! Geheilt!!!

Kennst du das auch, wenn du bange vor einen Arzttermin im Warteraum sitzt und dich fragst, was wohl dieses Mal heraus kommen wird? Ich kenne das und habe inzwischen fast ein wenig Routine darin.

Denn nach drei Monaten (mit sieben Chemos: 4 x Epirubicin & Cyclophosamid und 3 x Paclitaxel und 1 x Carboplatin) ist ein weiterer Termin zur Ultraschallüberprüfung angesagt. Die Ärztin beäugt wieder die Stelle. Sie kann keinen Tumor feststellen. Nichts!!!

Jetzt müsste ich eigentlich jubeln und auf und ab hüpfen, doch vor lauter Müdigkeit und mich Schlechtfühlens geht dies nicht so recht. Mein Mann freut sich schneller. Es braucht ein paar Tage, bis diese Nachricht in mich hinein sickert. Dann erst bricht Freude und Jubel in mir aus, den ich auch gleich mit der Familie und den Freunden und der Gemeinde teile, die für mich gebetet und mitgeglaubt haben.

Juhu! Halleluja! Danke, Jesus, für deine durchschlagende Kraft der kompletten Heilung des Tumors!

Ich spüre neue Leichtigkeit.

„Leichtigkeit“ – Collage © hsr

Diese Heilung will ich feiern. Bei all der hygienischen Vorsicht der letzten 4 Monate entscheiden wir uns, in das beheizte Freibad am Ort zu gehen, das wir vor der Diagnose wöchentlich besucht haben. Ich kann es so genießen, mich wie ein Fisch im Wasser wohl zu fühlen und meine Runden zu schwimmen. Herrlich!

Die zweite Art der Chemo

Bei den Injektionen von Carbo-Platin überfällt mich nach kurzer Zeit bleierne Müdigkeit, so dass ich nur noch vor mich hindösen kann. Anfangs versuche ich Lobpreismusik zu hören und in einer göttlichen Sprache, die Gott mir gemäß 1. Korintherbrief Kapitel 14 Vers 4 zur inneren Stärkung geschenkt hat, zu beten. Doch danach will ich nur noch schlummern. Wieder sind Erbrechen, Übelkeit und Müdigkeit die Begleiterscheinungen. Noch zwölf Male diese Prozedur– das klingt unendlich lang! Ich spüre, wie diese wöchentlichen Chemos meinen Glauben auf Echtheit prüft.

In einem Gottesdienst singen wir das Lied „Allein durch Gnade steh ich hier“ von Urban Life. Ich kannte es vorher nicht. Eine Zeile berührt mich tief: „Durchbohrte Hände halten mich“

Ja, Jesus, du hältst mich und du hältst mich aus.

Diese Zeile aus dem Lied spricht mich so tief an, dass ich sie während einem offenen Atelier, das von der Klinik für Krebspatienten Freitag nachmittags angeboten wird, in einer Collage verarbeite:

Collage „Durchbohrte Hände halten mich“ © hsr

Höhen und Tiefen

Der Tapetenwechsel im Urlaub, weg von Krankenhausterminen zwecks Blutabnahme und Cocktail-Verabreichungen, hat sehr gut getan. Neuen Mutes gehe ich zur Brustsprechstunde mit Ultraschall-Bestandsaufnahme. Die Spannung steigt: Was wohl dieses Mal herauskommen wird? Die Ärztin schaut ganz genau hin. Mein Mann bekommt dabei innerlich einen Schreck, da der Tumor jetzt größer aussieht, als der, den er vor vier Wochen auf dem Bildschirm gesehen hat. Er hakt nach und die Ärztin erklärt ihm, dass der Tumor zu Beginn von 22 mm auf 12 mm und jetzt auf 7 mm geschrumpft ist und sie eine größere Bildauflösung braucht, um den Tumor überhaupt zu sehen. Meinem Mann fällt ein Stein vom Herzen und er ist beruhigt. Ich natürlich auch!

Danke, Jesus, dass Du mein Arzt bist und die Heilung kontinuierlich vom Himmel zu mir auf der Erde unterwegs ist. Ich will mich weiter bis zur vollständigen Heilung „durchglauben“ und „durchpreisen“!

Dann beginnt die zweite Chemo-Phase mit 12 mal Paclitaxel und 4 mal Carbo-Platin. Diese soll nun wöchentlich verabreicht werden. D.h. jede Woche muss ich einmal zur Blutabnahme und dann zur Cocktailverabreichung, die bei dieser Mischung zeitlich kürzer ist.

Beim ersten Mal wird mir während des Einflößens des Cocktails von den Krankenschwestern eine Broschüre in die Hand gedrückt. Ich lese sie durch und mir wird innerlich schlecht: Wie bitte? Ich kann nach dieser Chemo vielleicht nicht richtig stehen oder laufen? Gehstörungen, Taubheitsgefühle in Armen und Beinen, Koordinationsstörungen können die Nebenwirkungen sein? Ich bin entsetzt und beunruhigt. Als Gegenmaßnahme zur Polyneuropathie bekomme ich Kühlbeutel für meine Füße und Hände.

Jesus, ich übergebe Dir meinen Körper mit allen Nerven!

Am nächsten Tag probiere ich die Übungen aus, die in dieser Broschüre angegeben waren: Ich stehe auf einem Bein für 3 Minuten. Das geht noch! Innerlich weigere ich mich, die Nebenwirkungen an Polyneuropathie für mich anzunehmen.

In der Bibel entdecke ich einen guten Satz, den ich für mich visualisiere:

Kalligraphie © hsr

Dabei imponiert mir auch Philipp Mickenbecker, der Youtube-Star von den Real Life Guys, der mit 23 zum dritten Mal an Lymphdrüsenkrebs unheilbar erkrankt ist, ehrlich darüber spricht und weiterhin auf Heilung hofft und sich durchglaubt.

Brustamputation – ja oder nein?

Meine vier Wochen mit den krassen Chemos konnte ich hinter mich bringen und sogar in der Rekonvalseszenzzeit in Urlaub fahren.

Danke, Jesus, für dieses Timing, denn den Sommerurlaub haben wir schon ein halbes Jahr vorher gebucht.

Wanderungen in Südtirol mit langen Pausen waren möglich und auch Urlaub mit der gesamten Großfamilie am See. Vom Schwimmen im Caldonazzo See, was ich sehr liebe, wurde mir wegen erhöhter Infektionsgefahr abgeraten. Der Tapetenwechsel weg von Aufenthalten bei der Brustsprechstunde und meinem Zuhause hat gut getan.

Meiner Schwester wurde zeitgleich eine ähnliche Diagnose – Brustkrebs im Vorstadium – erteilt. Allerdings wurde sie gleich operiert und bekam danach vier Wochen Strahlentherapie. Da ich bei einem der Erstgespräche mit der Gynäkologin nach weiteren Krebskrankheiten in der Familie gefragt worden bin, bekam ich die Broschüre eines Humangenetiker mit. Mir wurde erklärt, dass man, falls der Brustkrebs genetisch bedingt sei, eine andere Art von OP durchführen müsse (d.h. dass eine Brust abgenommen würde).

Jesus, wieder komme ich vor dich mit diesen Fragen: Soll ich zu diesem Humangenetiker gehen? Ist dies nicht unnötig? Wie viele Untersuchungen soll ich noch über mich ergehen lassen? Was ist genug?

Ich bekomme inneren Frieden von Jesus Für diese humangenetische Untersuchung und lasse mir einen Termin geben. Vor Ort bespricht der Arzt mit mir, welche Vorfahren schon ein Karzinom in der Brust hatten und nimmt mir Blut ab, um meine DNA zu untersuchen. Einige Wochen später bekomme ich einen Brief zugeschickt. Entwarnung: eine eindeutige Veranlagung zu Brust- oder Eierstockkrebs und damit eine erhöhte Wahrscheinlichkeit zu einem Rezidiv konnte nicht festgestellt werden.

Darüber freue ich mich sehr und meine Nichten, die davon betroffen sein könnten, auch! Und ich muss mich nicht fragen, ob ich mir eine Brust abnehmen lassen würde.

Danke, Jesus! Wie schön!

Alternative Medizin?

Kennen Sie das steigende Interesse an alternativer Medizin? Gerade jetzt, wo die Gesundheit der Menschen auf der ganzen Welt durch Covid-19 angegriffen ist.

Während mir die ersten vier Chemos verabreicht werden, suche ich den Kontakt zu einer Heilpraktikerin mit einer Naturheilpraxis bei mir in der Gegend. Ihr Motto ist das bekannte Zitat :

Tu deinem Leib des öfteren etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen (Teresa von Avila).

Dieser Spruch gefällt mir und die erste Untersuchung ist kompetent und zeitintensiv. Sie empfiehlt mir ketogene Ernährung, Vollbäder mit Natron, verschiedene Tees wie Artemisia, zusätzliche Vitamine und Nährstoffe (Vitamin C, Vitamin D3, Omega-3, Selen) und vieles andere als komplementäre Krebstherapie. Und ich möchte diese Hilfsmittel hier nicht schlecht machen! Sie macht mit mir einen Therapieplan und redet mir ins Gewissen, dass sie an meiner Stelle alles tun würde, damit sie ihre Enkelkinder noch lange sehen könne.

Und wieder falle ich in den Angst- und Sorgenmodus und bin hin- und hergerissen. Auf der einen Seite heilt Jesus einfach so, weil er am Kreuz schon Krankheit besiegt hat, und auf der anderen Seite solls ich ganz viel gemäß dem Therapieplan der Heilpraktikerin tun. Dabei kommt in mir die Frage auf: Wie viel muss ich tun? Wie viel ist (gut) genug?

Ich entdecke in dieser Fragestellung den alten theologischen Streit zwischen „Gesetz“ und „Gnade“, zwischen dem, was ich zur Rettung und Heilung beitragen soll und was mir durch Jesus geschenkt ist.

Jesus, diese ganze Liste des Therapieplans, so gut alle Dinge in sich sind, erschlägt und überfordert mich. Dann kreise ich ja nur noch um mich und bin damit beschäftigt, meinem Körper etwas Gutes zu tun. Willst du das?

Und ich spüre, wie Jesus zu mir sagt:

Liebes, ich will nicht, dass du gehetzt bist von allen Dingen, die du tun sollst. Ich will, dass du mich im Blick behältst.

Ich merke, dass es immer ein „noch mehr“ gibt, mehr Dinge, die ich für meine seelische und körperliche Gesundheit oder Gesundung tun kann. Auch bei meiner Arbeit als Lehrerin gab es ein „noch mehr“, was ich tun sollte, und gefühlt war ich nie mit der Arbeit fertig, so dass ich der Arbeit Grenzen setzen musste.

So entschließe ich mich, weiter die bisherigen Nährstoffe (Vitamin D3, Vitamin C, Omega 3 und Selen) einzunehmen und so viel wie möglich frisches Gemüse, Obst und Salat zu essen und weitgehend auf Zucker zu verzichten.

Jesus, schaffe mir Frieden in meinen Grenzen (Psalm 147, 14).

Geheilt? – Bleiben!

Mit meinem Mann gehe ich zu einer christlichen Veranstaltung – mit Perücke, damit niemand mich mitleidsvoll anblickt.

Dort hat der Redner ganz überraschend den inneren Impuls, dass er Krebszellen von Menschen, die sich in diesem Raum befinden, verfluchen soll, damit sie absterben. Das trifft mich! Woher kann der das denn wissen? Mit meiner Perücke erkennt man wirklich meine Diagnose nicht. Doch ich nehme diesen Impuls als von Jesus stammend und halte daran fest, dass ich in Jesus geheilt bin.

Nur fünf Tage später nach diesem Event (nach der zweiten Chemo) habe ich wieder einen Termin bei der Gynäkologin, die eine Ultraschallaufnahme von dem Tumor machen will.

Ob ich jetzt geheilt bin? Ob noch Krebszellen in der Brust gefunden werden?

Mein Mann kommt zur Untersuchung mit und bekommt einen Schrecken – der Tumor auf dem Bildschirm sieht etwas größer aus als das letzte Mal. Doch die Ärztin hat eine beruhigende Nachricht für uns. Der Tumor ist von einem Volumen von 4,2 ml auf 0,6 ml – d.h. um das 7-fache – geschrumpft. Auf dem Bild sah der Tumor nur deswegen größer aus, weil die Ärztin ihn zum besseren Vermessen vergrößert hatte.

Das warst du, Jesus! Danke für die Verkleinerung! Ich halte daran fest, dass die Heilung weiter voranschreiten wird, denn die Zahl 7 steht in der Bibel für Vollkommenheit und Vollendung.

Dann erinnere ich mich, dass ich vor einigen Jahren einen Audio-Download von Chris Gore, dem damaligen Leiter der Healing Ministries von Bethel, bekommen hatte. Da ich mich in dieser Auszeit mit Gutem füllen möchte, höre ich den Vortrag an:

Aus seiner Erfahrung mit Heilung von Krebs sagt er, dass Gott Krebs oft nicht sofort durch seine Kraft und Gebet heilt, sondern dass diese Heilung oft ein Prozess ist. Der beste Weg, diese Heilung von Gott zu empfangen, sei der anhaltende Dank Gott gegenüber, auch bei kleinen Verbesserungen und „Anfängen, die wir nicht verachten sollen“ (Sacharja 4, 10).

Chris Gore meint auch, dass oft Krankheitssymptome zurückkehren würden und diese uns dann zum Denken verleiten wollen: „Gott hat mich offenbar doch nicht geheilt“. Wenn wir dieser Lüge glauben, würden wir die Tür zur Angst öffnen und den Symptomen erlauben zu bleiben. Stattdessen solle man dem Feind, Mr. Dunkel, das Vertrauen zu Gott entgegensetzen: „Jesus hat mich geheilt. Ich werde die Symptome nicht akzeptieren“.

Weiterhin erklärt Chris Gore, dass wir es nicht verdient haben, geheilt zu werden. Es ist und bleibt ein Geschenk.

Zusätzlich kommt Verantwortung auf die Person zu, die Heilung erlebt. Sie muss sich um einen neuen, gesünderen Lebensstil bemühen, was nicht immer leicht ist. Es ist eine Form des Lobpreises, sich für Jesus gesund zu ernähren, sich genügend zu bewegen und auf den eigenen Körper zu achten. Außerdem muss die Person bereit sein, nach der Heilung wieder zu arbeiten oder finanzielle Vorteile aufzugeben.

„Willst du gesund werden?“ (Johannesbuch Kapitel 5, Vers 6)“ hat Jesus einen Gelähmten damals gefragt.

Was für eine seltsame Frage! Das will doch jeder!

Aber so seltsam ist die Frage gar nicht. Krankheit hat zwar seine Herausforderungen, Gesundheit aber auch!

Umorientierung

Was wird das Unwort des Jahres 2020? Coronavirus? Quarantäne?

Bist du gerade in Quarantäne oder hast du sie schon hinter dir, weil jemand aus deinem Bekanntenkreis positiv getestet wurde? Was sind deine Erfahrungen damit?

Bei der Brustkrebsbehandlung erlebe ich eine Art Ausnahmezustand. Bei dem dreiwöchigen Rhythmus der ersten Chemo-Rezeptur fühle ich mich in der dritten Woche schon wieder unternehmungslustiger und nicht mehr so müde und schlapp wie in den ersten zwei Wochen. Aber an Unterrichten in der Schule ist nicht zu denken. Einmal probiere ich es aus. Ich unterstütze eine Kollegin an einem Schulvormittag bei ihrem Projekt. Die Kollegen freuen sich, mich so „wohlauf“ (natürlich mit Perücke) zu sehen, doch ich spüre, wie anstrengend die Schülerinnen und Schüler sind und wie schnell sie mich nerven. Ich merke schnell, dass mir dies zusätzlich zu Haushalt, Gartenarbeit und Familie zu viel ist.

Aber was dann? Wie fülle ich meine plötzlich entstandene freie Zeit, während mein Mann weiterhin als Geschäftsführer viel zu arbeiten hat? Jesus, was denkst du dazu?

Ich mache mir eine Liste von Dingen, die mir gut tun können und die ich schon lange tun wollte: Malen, mit dem Klavier Lieder begleiten lernen, stricken, gute Bücher lesen, mich weiterbilden etc. Und so wendet sich die Zeit der beruflichen Beschäftigung in ein Notprogramm: ich lerne Menschen kennen, die gerne von mir Hebräisch lesen und schreiben lernen wollen. Ich höre von Online-Modulen einer christlichen Akademie, die ich von zuhause besuchen und bearbeiten kann. Genial – ich lerne diese Auszeit sinnvoll zu nutzen!

Doch ich spüre auch, dass ich schnell in eine Falle des Freizeitaktivismus verfallen kann, dass ich unbedingt vor mir selbst und auch vor anderen etwas sichtbar Erledigtes aufweisen möchte, vor allem wenn eine Nachbarin mich fragt: „Was schaffst du heute?“

Auf Nachfrage leihen mir Freunde gute, gehaltvolle Bücher über die Beziehungspflege zu Jesus. So manche Zitate, die mich inspirieren, wie das Folgende, schreibe ich mir in mein Tagebuch:

„Gott belohnt uns nach der Intensität, mit der wir ihm nachjagen.“ (Bob Sorge: Geheimnisse aus der Verborgenheit mit Gott, S. 52)

Langsam lerne ich in dieser geschenkten Auszeit einfach zu sein, in der Gegenwart meines Liebhabers Jesus zu sein, ohne etwas zu leisten, denn ich möchte ihn mehr kennen lernen und noch vertrauter mit ihm werden, denn die Bestimmung von uns menschlichen Lebewesen ist:

„Gott zu genießen, denn er genießt mich.“ (Uwe Meyer von Passion in Schwäbisch Hall)

Üble Aussichten

Der ganze Verdauungstrakt ist mehrere Tage nach den ersten vier Chemos völlig durcheinander. Trotz allen Mitteln wie Backpflaumen, Sauerkrautsaft, Braunhirsemehl kommt meine Verdauung nicht in Schwung, sondern ist verstopft – und das tagelang! Ich trinke den Tag über fast nichts, da ich mich immer wieder übergeben muss. Auf so manche Lieblingsspeise habe ich keinen Appetit. Ich beschließe, wenn es geht, mir mit Frucht-  und Gemüsesäften ein wenig Mineral- und Nährstoffe zuzuführen. Außerdem nehme ich weiterhin Selen, Zink und Vitamin D zum Aufbau meiner Abwehrkräfte.

Und wird es mir so elend und matt nach jeder Chemo gehen? 16 Mal? Und wenn ich so manchen Krebspatienten zuhöre und ihnen glaube, dass es immer schlimmer wird, da der Körper durch die Behandlung immer schwächer wird. Das will ich mir gar nicht vorstellen!

Der Schrei (in Anlehnung an Edvard Munch) – Ölpastellkreiden © hsr

Jetzt weiß ich, warum ich nach jeder der ersten vier Chemotherapien 3 Wochen Pause angesetzt ist: damit sich mein Körper wieder berappeln kann und fit genug wird für die neue Dosis!

Puh! Was für Aussichten! Jesus, wie denkst Du darüber?

Ich finde den folgendenVers in der Bibel:

„Und diese Zeichen werden denen folgen, die glauben. … Sie werden Schlangen anfassen oder Tödliches (wie das Zellgift bei der Chemo) trinken und es wird ihnen nicht schaden.“ (Markusevangelium Kapitel 16, Verse 17a + 18)

Dieses Wort nehme ich für mich persönlich wie Medizin in mir auf und vertraue darauf. Und wenn die Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Verstopfung kommen, dann spreche ich im Auftrag meines Gottes, dass sie gemäß dieses Wortes verschwinden müssen. Und dies mehrmals am Tag, auch wenn ich keine positive Entwicklung in meinem Körper verspüre!

Und so erlebe ich in der Zeit der ersten vier Chemotherapien etwas Außergewöhnliches, worüber ich Gott sehr dankbar bin: Die Nebenwirkungen sind auch nach mehreren Chemos nicht so schlimm, wie sie mir von vielen prognostiziert wurden.

Hast du auch schon erlebt, dass die negativen Prognosen wie z.B. „Sie haben Covid -19“ oder „Ihr Test war positiv“, die dir zugesagt wurden, dich ziemlich durcheinander gewirbelt haben? Hast du dir das schlimmste Szenario vor deinen inneren Augen ausgemalt? Und ist es so schlimm eingetroffen? Oder wesentlich positiver?

Hauptsache gesund? Haariges (Teil 2)

Ich nehme häufig die Aussage „Hauptsache gesund!“ in meinem Umfeld wahr, während mein Verdauungstrakt mal wieder streikt. Stimmt dieses Statement? Auch heute zu Covid-19 Zeiten werden wir in unserer Gesellschaft damit konfrontiert: „Bleiben Sie gesund!“ Doch Gesundheit ist etwas, das wir nicht machen können, die wir nicht im Griff haben. Dieser Kontrollverlust fühlt sich nicht gut an. Für mich ist Gesundheit eine Gabe Gottes. Meinen wir (und ich schließe mich mit ein) nicht oft, wir hätten Gesundheit verdient? Und bei Abhandenkommen klagen wir Gott an?

Wie denkst du darüber?

Ich möchte einen Perspektivwechsel vornehmen und den Geber der Gesundheit mehr lieben als sein Geschenk. Dabei zeigt drei Wochen nach der ersten Chemo dieses Zellgift schon Wirkung, so dass mir im Büschel die Haare ausfallen, wenn ich mich kämme. Ich rufe den Friseur an, um mir noch in derselben Woche die Haare abrasieren zu lassen und die schon ausgewählte Perücke zu kaufen.

Jesus, hilf mir, mich selbst mit diesem kahlen Kopf zu lieben und hilf auch meinem Mann!

Dann empfinde ich, dass Jesus mir ins Ohr flüstert:

„Meine Kleine, ich habe dich lieb. Ich küsse deinen kahlen Kopf und streichle ihn liebevoll. Ich werde deine Schönheit wiederherstellen – schöner als zuvor! Und ich mache keine halben Sachen.“

Der folgende Vers aus der Bibel fällt mir ein und ich verinnerliche ihn, indem ich ihn in mein „Mutmachbuch“ schreibe.

Jesaja 61, 3 – Schrift und Buntstiftzeichnung © hsr

Am ersten Morgen nach der Rasur stehe ich ganz früh auf und fotografiere ich mich. Meine Seele muss mit der Art meines neuen Aussehens erst hinterherkommen und dies verdauen. Als Glatzkopf herumlaufen, das möchte ich meinem Mann und der Familie, die uns ab und zu besucht, nicht zumuten. Ich probiere die Perücke aus. Sie ist gut, doch an den vielen Sommertagen ist sie mir zu warm. Ich versuche es mit einem Schlauchtuch oder einem Mützchen. Das ist schon angenehmer. Doch dadurch bekommen die Nachbarn und der Postbote mit, was mit mir los ist. Will ich das? Das ist für viele ein Schock, da sie an die Tragödie der ersten Frau meines Mannes mit demselben Krankheitsbild vor nur 5 Jahren erinnert werden. Auch da lerne ich mit dem Schock der anderen Leute umzugehen. Zuhause möchte ich mich zeigen, wie ich bin und auch mal ohne Perücke, doch mit Mützchen als Kopfbedeckung, in den Garten oder an die Haustüre gehen.

Selbstportrait mit Mützchen © hsr