Der Schock

Ich fahre mit der S-Bahn nach Esslingen. Die Frauenärztin, die ich mir neu gesucht habe, hat mir dazu geraten. In diesem Institut soll der Arzt auch gleich die Möglichkeit für eine Biopsie haben. In der Tat entnimmt der Arzt nach der Mammographie auch eine Gewebeprobe und meint, dass der Knubbel, den mein Mann schon ertasten konnte, nur eine Zyste war, aus der ein wenig Flüssigkeit heraus kam. Meine Brust weist so viele Zysten auf. Das kenne ich schon. Ich bin erleichtert.

Danke, Jesus, für diese Entwarnung!“ spreche ich leise. Und als positiv eingestellter Mensch, der davon ausgeht, dass nichts Negatives herauskommt, fahre ich vergnügt heim und freue mich.

Die Familie, die ich mit meiner Heirat dazu gewonnen habe – stolze 12 Personen – hat sich an diesem Wochenende zu Besuch angesagt. Ich habe mir die Familientradition zu eigen gemacht, dass alle bisherigen Geburtstage der Familienmitglieder dieses Jahres gemeinsam nach gefeiert werden. So gibt es noch einiges einzukaufen und vorzubereiten. Es ist schön, so eine große und bunte Familie mit drei Enkelkindern mit geheiratet zu haben.

Am nächsten Tag erwache ich – oh weh – mit starken Kopfschmerzen. Migräne! Mist – gerade jetzt, wo die Familie da ist und ich Zeit mit ihnen verbringen will, liege ich im verdunkelten Schlafzimmer und höre die verschiedenen Stimmen im belebten Haus. Nicht einmal aufstehen geht mehr, denn ich muss mich übergeben. „Jesus, warum gerade heute? War dieser Mammographie Termin gestern doch nicht so eine Bagatelle? Meldet sich hier mein Unterbewusstsein und fordert Ruhe ein?“

Am späten Abend kann ich wieder aufstehen und mich zur Familie setzen und Gemeinschaft mit ihnen genießen. „Danke, Jesus!“ Auch am Sonntag sitzen wir bei herrlichem Sonnenschein gemütlich auf der Terrasse und die Enkelkinder springen im Garten herum und erkunden den unebenen Dschungelpfad zwischen unseren Johannisbeeren und den ersten Rosenblüten.

„Rosen im Garten“ © hsr

Eine der Töchter meines Mannes entschließt sich, einen Tag länger bei uns zu bleiben, da sie als Krankenschwester nach dem Schichtdienst einen freien Tag hat und sich hier im Grünen viel besser erholen kann und den Frühling genießen kann als in ihrem Zuhause. Ich dagegen fahre in die Schule, bei der ich schon fast ein Jahr arbeite, und komme erst nach der Teamsitzung nach Hause. Ich rieche das leckere Mittagessen schon! Oh wie schön ist es, bekocht zu werden, vor allem wenn ich von einem anstrengenden Schulmontag heimkomme. Bei der Ankunft sehe ich ein blinkendes rotes Licht am Telefon. Ach ja, der gute alte Anrufbeantworter – liebevoll James genannt! In einer ruhigen Minute höre ich ihn kurz ab, bevor es zum Mittagessen geht. Es ist der Arzt von diesem Esslinger Institut für Mammographie: „Frau Ross, bitte rufen Sie mich umgehend zurück!“ Ich werde neugierig und ahne nichts Gutes. Beim Rückruf meint er: „Ich habe leider schlechte Nachrichten für Sie. Bei der pathologischen Untersuchung Ihrer Gewebeprobe wurden Krebszellen gefunden und Sie sollten sich in den nächsten 2-3 Wochen operieren lassen.“ Mir wird ganz schwindelig zumute. „Ich habe Ihre Frauenärztin schon informiert, aber sie ist diese Woche in Urlaub. Sie können auch in Esslingen operiert werden.“ Schockzustand!

Beim Mittagessen bekomme ich nicht viel herunter, aber ich lasse mir es nicht groß anmerken. Ich will jetzt mit meinem Mann allein sein. Wie kann ich das hin deichseln? Ich schlage ihm vor, mit ihm ins Büro zu laufen, statt Mittagsschlaf wie sonst. Er freut sich, doch er ahnt noch nichts! Auf dem Weg durch den maigrünen Wald mit lieblichen Ausblick über meine neue Heimat, schütte ich ihm mein Herz aus und erzähle ihm von dem Telefonat mit dem Esslinger Arzt. Hartmut reagiert gefasst und umarmt mich erst einmal. Das kann ich jetzt brauchen! Einen, der sich zu mir stellt! Wahrscheinlich trifft ihn der Schlag, doch, typisch Mann, zeigt er es nicht so. Im Büro wird er wohl erst mal sein inneres Durcheinander verdauen.Was ist jetzt zu tun? Was ist der nächste Schritt, Jesus? In welche Klinik soll ich zur Operation gehen? Ich kenne mich doch hier noch nicht so aus.“

Ich entscheide mich, am nächsten Tag die Praxis der Frauenärztin aufzusuchen – auch wenn nur eine Vertretung präsent ist, und mache einen Termin aus. Als mein Mann Feierabend macht und heimkommt, erzählen wir seiner Tochteri von dieser Diagnose. Sie ist fassungslos und hat ein Deja Vu. So einen Befund hatte auch ihre Mutter vor Jahren bekommen und ist letztendlich an einem Rezidiv gestorben. Mir tut es so leid, dass ich durch meine Diagnose bei meinem Mann und den anderen Töchter alte, unschöne Erinnerungen wecke und diese hochkommen. Wir beschließen den tränenreichen Abend mit Gebet: „Jesus, reinige Heike von allen diesen bösen Zellen! Ich rufe dich als Herrn des Lebens an und spreche Leben in alle Zellen ihres Körpers.“ betet mein Mann. „Jesus, schenke meinem Mann und den Töchtern eine neue Tiefe an innerer Heilung von alten Erinnerungen und Erfahrungen!“ bete ich.