Durststrecke

Es ist Oktober. Ich sitze in der Gyn-Ambulanz zur Blutabnahme. Meist nehme ich mir etwas zum Stricken mit, denn ich werde wohl wieder lange warten müssen. Warten auf die Blutergebnisse! Warten auf die Ärztin! Warten auf den nächsten freien Stuhl, um die Chemo-Infusion zu bekommen!

Doch ich bekomme schlechte Nachrichten: meine Blutwerte sind zu schlecht, dass sie mir heute keine Chemo geben können. Hm! Was mache ich jetzt? Dabei wurde ich extra mit dem Taxi hergefahren, weil ich ja nach der Chemo nicht so ganz „zurechnungsfähig“ fürs Auto fahren bin. Soll ich mir ein Taxi rufen zur Heimfahrt? Eine neue Situation für mich nach 5 wöchentlichen Chemos! Ich beschließe die 8 km ganz langsam heimzulaufen. Nach dem Mittagessen bin ich davon ziemlich erschöpft und schlafe zwei Stunden.

Die Woche drauf klappt es wieder mit der Chemo. Schön! Denn ich will endlich fertig werden mit dieser Behandlung. Vielleicht schaffe ich es noch vor Weihnachten! So ist meine Hoffnung.

Doch mein Körper „holt“ sich immer wieder Erholungspausen – einmal sogar 4 Wochen lang. Mal sind es nicht genug Leukozyten. Mal sind es die Neutrophile. Die Behandlung zieht sich wie ein Kaugummi. Und ich bin müde von diesem Ausnahmezustand und der ermüdenden Behandlungszeit. Eigentlich hätte ich doch in 12 Wochen fertig sein sollen.

Jesus, warum auch noch das? Warum kann ich die Sache nicht einfach schnell hinter mich bringen?

„Ich stretche dich wie mit einem Thera-Gummi-Band. Es ist keine Überforderung sondern ein Fitnessprogramm für dich – ohne Muskelkater.“

Über diese Antwort bin ich nicht besonders glücklich. Ich frage mich und Jesus:

Soll ich die Chemo abbrechen? Denn der Tumor ist ja komplett weg. Warum brauche ich da noch weitere Chemo?

Ich bewege diese Frage immer wieder vor Gott, aber ich bekomme keine klare Antwort. Nur einen Rat von guten Freunden:

„Hör nicht auf das, was deine Gefühle sagen, sondern nimm wahr, wofür du Frieden (von Gott) im Herzen hast.“

Ich habe keinen Frieden zum Abbrechen, vor allem auch weil die Ärzte mir davor abraten. Also gut. Machen wir – Jesus und ich – weiter mit dieser ermüdenden Behandlung!

Es dauert bis Mitte Februar, dass ich meine letzte Chemo bekomme, dabei hätte ich laut Plan Ende November fertig sein können. Was für eine Training in Geduld und Ausdauer!

Nichts! Geheilt!!!

Kennst du das auch, wenn du bange vor einen Arzttermin im Warteraum sitzt und dich fragst, was wohl dieses Mal heraus kommen wird? Ich kenne das und habe inzwischen fast ein wenig Routine darin.

Denn nach drei Monaten (mit sieben Chemos: 4 x Epirubicin & Cyclophosamid und 3 x Paclitaxel und 1 x Carboplatin) ist ein weiterer Termin zur Ultraschallüberprüfung angesagt. Die Ärztin beäugt wieder die Stelle. Sie kann keinen Tumor feststellen. Nichts!!!

Jetzt müsste ich eigentlich jubeln und auf und ab hüpfen, doch vor lauter Müdigkeit und mich Schlechtfühlens geht dies nicht so recht. Mein Mann freut sich schneller. Es braucht ein paar Tage, bis diese Nachricht in mich hinein sickert. Dann erst bricht Freude und Jubel in mir aus, den ich auch gleich mit der Familie und den Freunden und der Gemeinde teile, die für mich gebetet und mitgeglaubt haben.

Juhu! Halleluja! Danke, Jesus, für deine durchschlagende Kraft der kompletten Heilung des Tumors!

Ich spüre neue Leichtigkeit.

„Leichtigkeit“ – Collage © hsr

Diese Heilung will ich feiern. Bei all der hygienischen Vorsicht der letzten 4 Monate entscheiden wir uns, in das beheizte Freibad am Ort zu gehen, das wir vor der Diagnose wöchentlich besucht haben. Ich kann es so genießen, mich wie ein Fisch im Wasser wohl zu fühlen und meine Runden zu schwimmen. Herrlich!

Die zweite Art der Chemo

Bei den Injektionen von Carbo-Platin überfällt mich nach kurzer Zeit bleierne Müdigkeit, so dass ich nur noch vor mich hindösen kann. Anfangs versuche ich Lobpreismusik zu hören und in einer göttlichen Sprache, die Gott mir gemäß 1. Korintherbrief Kapitel 14 Vers 4 zur inneren Stärkung geschenkt hat, zu beten. Doch danach will ich nur noch schlummern. Wieder sind Erbrechen, Übelkeit und Müdigkeit die Begleiterscheinungen. Noch zwölf Male diese Prozedur– das klingt unendlich lang! Ich spüre, wie diese wöchentlichen Chemos meinen Glauben auf Echtheit prüft.

In einem Gottesdienst singen wir das Lied „Allein durch Gnade steh ich hier“ von Urban Life. Ich kannte es vorher nicht. Eine Zeile berührt mich tief: „Durchbohrte Hände halten mich“

Ja, Jesus, du hältst mich und du hältst mich aus.

Diese Zeile aus dem Lied spricht mich so tief an, dass ich sie während einem offenen Atelier, das von der Klinik für Krebspatienten Freitag nachmittags angeboten wird, in einer Collage verarbeite:

Collage „Durchbohrte Hände halten mich“ © hsr

Erste Chemo

Heute ist der Tag der ersten Chemo. Ich habe einen Tag zuvor aus dem hiesigen Amtsblatt den Krankentransport angerufen und ihn auf 8 Uhr bestellt. Als der Wagen vorfährt und zwei Sanitäter aus dem Auto springen, bin ich überrascht. Sie auch! So ein großes Auto für eine so quietschfidele Frau hatten sie auch noch nicht. Na ja, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich so einen Wagen natürlich nicht bestellt. Mir wurde nur mitgeteilt, dass ich für den Weg ins Krankenhaus und zurück Krankentransport in Anspruch nehmen soll, da ich selbst nach der Chemo nicht mehr Auto fahren könne oder solle. Wie peinlich, wenn dies nun alle Nachbarn gesehen haben! Wie ärgerlich, wenn die Krankenkasse so einen großen Rettungswagen nicht zahlt! Schluss mit den Schuldgefühlen und dem „Wenn ich bloß ..… hätte ich doch“. Ich werde aus diesem Fehler lernen und für die Rückfahrt nach der Chemo ein normales Taxi bestellen!

Im Krankenhaus gehe ich zur gynäkologischen Ambulanz, melde mich dort an und warte auf das Arztgespräch. Dann werde ich in die onkologische Ambulanz geschickt und in einen der Räume geführt. Ich begrüße leise die anderen fünf Personen, die schon alle in ihren Sesseln sitzen und ihre Infusionen bekommen. „Haben Sie heute schon ihre Tablette geschluckt, die Sie eine Stunde vor der Chemotherapie nehmen sollten?“ fragt mich eine Krankenschwester. Ich bejahe. Es war ein Riesending. Ich schlucke Tabletten überhaupt nicht gern, da ich oft einen Brechreiz verspüre und sie deshalb sicherheitshalber über dem Waschbecken einnehme. Die Krankenschwester weist mich freundlich zu einem freien Sessel. Dann legt sie sich alles bereit, was sie braucht: Nadeln, Kanülen, natürlich Plastikhandschuhe und steriles Vlies und Pflaster. Sie fährt einen Infusionsständer herein. Mir wird ganz schwindelig und schwarz vor den Augen, so dass sie meinen Sessel verstellt und ich liegen kann, bis sich mein niedriger Blutdruck wieder erholt. Beim Einstechen in meinen Port muss ich wegschauen, damit mir nicht wieder schlecht wird. Sie überprüft, ob der Port rückläufig ist und funktioniert. Dann bekomme ich eine Natriumchloridlösung zur Desinfektion angehängt, danach etwas gegen die Übelkeit. Dann erhalte ich die eigentliche Chemo: Epirubicin – eine rote Flüssigkeit, die auch meinen Urin rot färbt. Während diese langsam einläuft, darf ich nicht aufstehen und zur Toilette gehen. Dieses Behandlung dauert Stunden und sie vergehen langsam. Immer wieder sehe ich auf die Uhr im Raum.

Heute ist mir nicht danach, mit anderen Patienten zu reden und vom negativen Gerede der anderen will ich auch nichts mitbekommen. Also stöpsele ich mir meine Ohren zu und höre schöne Musik, die den Schöpfer des Himmels ehrt. Ich halte mich einfach so wie ich jetzt bin vor Gott hin und plötzlich durchleuchtet mich ein Gedanke, von dem ich glaube, dass er von ihm kommt:

„Ich schieße jetzt – wie mit Pfeil und Bogen – die bösen Zellen in deiner Brust ab!“

Ach, das ist tröstlich! Zur Musik stricke ich ein wenig und versuche in einem Buch zu lesen. Doch ich kann mich nicht so recht darauf konzentrieren. Nach vier Stunden bin ich endlich fertig. Ich bekomme noch die Anweisung von der Krankenschwester, welche Tabletten ich heute nach acht Stunden nehmen soll und welche für die nächsten beiden Tagen sind. Dann torkele ich zur Eingangshalle des Krankenhauses und rufe ein Taxiunternehmen an, das mich nach Hause bringt. Ich fühle mich wie benommen und benebelt – wie unter Drogen. Sehr gesprächig bin ich auf der Rückfahrt im Taxi nicht.