Umorientierung

Was wird das Unwort des Jahres 2020? Coronavirus? Quarantäne?

Bist du gerade in Quarantäne oder hast du sie schon hinter dir, weil jemand aus deinem Bekanntenkreis positiv getestet wurde? Was sind deine Erfahrungen damit?

Bei der Brustkrebsbehandlung erlebe ich eine Art Ausnahmezustand. Bei dem dreiwöchigen Rhythmus der ersten Chemo-Rezeptur fühle ich mich in der dritten Woche schon wieder unternehmungslustiger und nicht mehr so müde und schlapp wie in den ersten zwei Wochen. Aber an Unterrichten in der Schule ist nicht zu denken. Einmal probiere ich es aus. Ich unterstütze eine Kollegin an einem Schulvormittag bei ihrem Projekt. Die Kollegen freuen sich, mich so „wohlauf“ (natürlich mit Perücke) zu sehen, doch ich spüre, wie anstrengend die Schülerinnen und Schüler sind und wie schnell sie mich nerven. Ich merke schnell, dass mir dies zusätzlich zu Haushalt, Gartenarbeit und Familie zu viel ist.

Aber was dann? Wie fülle ich meine plötzlich entstandene freie Zeit, während mein Mann weiterhin als Geschäftsführer viel zu arbeiten hat? Jesus, was denkst du dazu?

Ich mache mir eine Liste von Dingen, die mir gut tun können und die ich schon lange tun wollte: Malen, mit dem Klavier Lieder begleiten lernen, stricken, gute Bücher lesen, mich weiterbilden etc. Und so wendet sich die Zeit der beruflichen Beschäftigung in ein Notprogramm: ich lerne Menschen kennen, die gerne von mir Hebräisch lesen und schreiben lernen wollen. Ich höre von Online-Modulen einer christlichen Akademie, die ich von zuhause besuchen und bearbeiten kann. Genial – ich lerne diese Auszeit sinnvoll zu nutzen!

Doch ich spüre auch, dass ich schnell in eine Falle des Freizeitaktivismus verfallen kann, dass ich unbedingt vor mir selbst und auch vor anderen etwas sichtbar Erledigtes aufweisen möchte, vor allem wenn eine Nachbarin mich fragt: „Was schaffst du heute?“

Auf Nachfrage leihen mir Freunde gute, gehaltvolle Bücher über die Beziehungspflege zu Jesus. So manche Zitate, die mich inspirieren, wie das Folgende, schreibe ich mir in mein Tagebuch:

„Gott belohnt uns nach der Intensität, mit der wir ihm nachjagen.“ (Bob Sorge: Geheimnisse aus der Verborgenheit mit Gott, S. 52)

Langsam lerne ich in dieser geschenkten Auszeit einfach zu sein, in der Gegenwart meines Liebhabers Jesus zu sein, ohne etwas zu leisten, denn ich möchte ihn mehr kennen lernen und noch vertrauter mit ihm werden, denn die Bestimmung von uns menschlichen Lebewesen ist:

„Gott zu genießen, denn er genießt mich.“ (Uwe Meyer von Passion in Schwäbisch Hall)

Üble Aussichten

Der ganze Verdauungstrakt ist mehrere Tage nach den ersten vier Chemos völlig durcheinander. Trotz allen Mitteln wie Backpflaumen, Sauerkrautsaft, Braunhirsemehl kommt meine Verdauung nicht in Schwung, sondern ist verstopft – und das tagelang! Ich trinke den Tag über fast nichts, da ich mich immer wieder übergeben muss. Auf so manche Lieblingsspeise habe ich keinen Appetit. Ich beschließe, wenn es geht, mir mit Frucht-  und Gemüsesäften ein wenig Mineral- und Nährstoffe zuzuführen. Außerdem nehme ich weiterhin Selen, Zink und Vitamin D zum Aufbau meiner Abwehrkräfte.

Und wird es mir so elend und matt nach jeder Chemo gehen? 16 Mal? Und wenn ich so manchen Krebspatienten zuhöre und ihnen glaube, dass es immer schlimmer wird, da der Körper durch die Behandlung immer schwächer wird. Das will ich mir gar nicht vorstellen!

Der Schrei (in Anlehnung an Edvard Munch) – Ölpastellkreiden © hsr

Jetzt weiß ich, warum ich nach jeder der ersten vier Chemotherapien 3 Wochen Pause angesetzt ist: damit sich mein Körper wieder berappeln kann und fit genug wird für die neue Dosis!

Puh! Was für Aussichten! Jesus, wie denkst Du darüber?

Ich finde den folgendenVers in der Bibel:

„Und diese Zeichen werden denen folgen, die glauben. … Sie werden Schlangen anfassen oder Tödliches (wie das Zellgift bei der Chemo) trinken und es wird ihnen nicht schaden.“ (Markusevangelium Kapitel 16, Verse 17a + 18)

Dieses Wort nehme ich für mich persönlich wie Medizin in mir auf und vertraue darauf. Und wenn die Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Verstopfung kommen, dann spreche ich im Auftrag meines Gottes, dass sie gemäß dieses Wortes verschwinden müssen. Und dies mehrmals am Tag, auch wenn ich keine positive Entwicklung in meinem Körper verspüre!

Und so erlebe ich in der Zeit der ersten vier Chemotherapien etwas Außergewöhnliches, worüber ich Gott sehr dankbar bin: Die Nebenwirkungen sind auch nach mehreren Chemos nicht so schlimm, wie sie mir von vielen prognostiziert wurden.

Hast du auch schon erlebt, dass die negativen Prognosen wie z.B. „Sie haben Covid -19“ oder „Ihr Test war positiv“, die dir zugesagt wurden, dich ziemlich durcheinander gewirbelt haben? Hast du dir das schlimmste Szenario vor deinen inneren Augen ausgemalt? Und ist es so schlimm eingetroffen? Oder wesentlich positiver?

Hauptsache gesund? Haariges (Teil 2)

Ich nehme häufig die Aussage „Hauptsache gesund!“ in meinem Umfeld wahr, während mein Verdauungstrakt mal wieder streikt. Stimmt dieses Statement? Auch heute zu Covid-19 Zeiten werden wir in unserer Gesellschaft damit konfrontiert: „Bleiben Sie gesund!“ Doch Gesundheit ist etwas, das wir nicht machen können, die wir nicht im Griff haben. Dieser Kontrollverlust fühlt sich nicht gut an. Für mich ist Gesundheit eine Gabe Gottes. Meinen wir (und ich schließe mich mit ein) nicht oft, wir hätten Gesundheit verdient? Und bei Abhandenkommen klagen wir Gott an?

Wie denkst du darüber?

Ich möchte einen Perspektivwechsel vornehmen und den Geber der Gesundheit mehr lieben als sein Geschenk. Dabei zeigt drei Wochen nach der ersten Chemo dieses Zellgift schon Wirkung, so dass mir im Büschel die Haare ausfallen, wenn ich mich kämme. Ich rufe den Friseur an, um mir noch in derselben Woche die Haare abrasieren zu lassen und die schon ausgewählte Perücke zu kaufen.

Jesus, hilf mir, mich selbst mit diesem kahlen Kopf zu lieben und hilf auch meinem Mann!

Dann empfinde ich, dass Jesus mir ins Ohr flüstert:

„Meine Kleine, ich habe dich lieb. Ich küsse deinen kahlen Kopf und streichle ihn liebevoll. Ich werde deine Schönheit wiederherstellen – schöner als zuvor! Und ich mache keine halben Sachen.“

Der folgende Vers aus der Bibel fällt mir ein und ich verinnerliche ihn, indem ich ihn in mein „Mutmachbuch“ schreibe.

Jesaja 61, 3 – Schrift und Buntstiftzeichnung © hsr

Am ersten Morgen nach der Rasur stehe ich ganz früh auf und fotografiere ich mich. Meine Seele muss mit der Art meines neuen Aussehens erst hinterherkommen und dies verdauen. Als Glatzkopf herumlaufen, das möchte ich meinem Mann und der Familie, die uns ab und zu besucht, nicht zumuten. Ich probiere die Perücke aus. Sie ist gut, doch an den vielen Sommertagen ist sie mir zu warm. Ich versuche es mit einem Schlauchtuch oder einem Mützchen. Das ist schon angenehmer. Doch dadurch bekommen die Nachbarn und der Postbote mit, was mit mir los ist. Will ich das? Das ist für viele ein Schock, da sie an die Tragödie der ersten Frau meines Mannes mit demselben Krankheitsbild vor nur 5 Jahren erinnert werden. Auch da lerne ich mit dem Schock der anderen Leute umzugehen. Zuhause möchte ich mich zeigen, wie ich bin und auch mal ohne Perücke, doch mit Mützchen als Kopfbedeckung, in den Garten oder an die Haustüre gehen.

Selbstportrait mit Mützchen © hsr

Stürmische Zeiten

Welche stürmischen Zeiten hast du erlebt oder erlebst du gerade? Was hat dir geholfen, sie zu meistern?

Die Ruhe vor dem Sturm – Mischtechnik © hsr

Nach der ersten Chemo kann ich gerade noch zuhause Essensreste vom Vortrag aufwärmen und Salat machen. Dabei bin ich so müde. Fast schweigend essen mein Mann und ich zu Mittag. Mit mir ist einfach heute nichts los. Dann lege ich mich ins Bett und schlafe ca. drei Stunden meinen “Rausch“ aus. Abends fühle ich mich zwar mitgenommen, aber immerhin wacher. Ich schaffe es sogar meinem Mann wenige Meter auf seinem Heimweg entgegenzugehen. Am nächsten Tag schlucke ich mit innerer Überwindung brav die großen Tabletten und bin noch ein wenig müde, aber auch erstaunt, dass es mir gar nicht so schlecht geht, wie ich erwartet habe. Ich kann sogar einkaufen. Abends kann ich zur Grillfete meiner Schulkollegen fahren. Sie sind neugierig, wie es mir geht und wie es mir bisher ergangen ist und ich berichte ihnen fröhlich.

Am vierten Tag nach der ersten Chemotherapie geht es mir ganz mies. Ich muss mich mehrmals übergeben. Mein Kreislauf kollabiert. So liege ich im Bad auf dem Fußboden, bis ich mich wieder aufrichten kann, um ins Bett zu wanken. Dann ein paar Stunden später versuche ich nochmals aufzustehen. Meinen Mann habe ich inzwischen ins Büro verabschiedet. Ein Stockwerk tiefer muss ich mich schon wieder übergeben und schaffe es gerade noch zum Klo. Auch davon muss sich mein Kreislauf erst wieder erholen. Und so liege ich auf dem Fußboden.

„Gott, hilf mir!“‚ bettle ich regelrecht. Ich fühle mich so elend.

Wenig später lege ich mich auf die Coach und döse ein wenig, da ich so matt bin. Dann greife ich nach dem Buch „Geistliches Espresso“, das ich mir extra für diese Auszeit gekauft habe und lese dort über die Stürme des Lebens.

„Ach, das passt ja! Ich stecke gerade in einem heftigen inneren und äußeren Sturm.“

Dort heißt es, dass manche Stürme von Gott kommen, wie bei Jona, um uns zu Gott zurückzubringen, andere Stürme, wie den, den die Freunde Jesu erlebt haben, war von Gottes Gegenspieler, Mr. Dunkel, initiiert worden, um sie vom Willen Gottes wegzubringen (Bill Johnson u.a. „Geistliches Espresso“, S. 29-34). Die Freunde Jesu bitten und betteln während des Sturmes, wie ich gerade, wo es mir so mies geht. Sie wecken Jesus schließlich auf und er tadelt sie. Warum das denn? Sie hatten doch genug Glauben, dass sie sich an Jesus wandten und ihn weckten.

„Was war da falsch?“ frage ich mich.

„Jesus machte seinen Freunden klar, dass es ihre Verantwortung war, dem Sturm Einhalt zu gebieten. Sie hatten ihre Werkzeuge, die sie von Jesus gelernt hatten, im Boot gelassen und vergessen.“

Ach so! Jesus, Du möchtest, dass ich in solch einer Situation mit Dir herrsche und die Nebenwirkungen wie einen Sturm in Deinem Auftrag wegschicke und wie bei einem Paket die Annahme verweigere.“

Hast du mit dieser „Annahme verweigert“ Haltung schon Erfahrungen gemacht? Bitte schreibe mir eine Email, damit ich daran teilhaben kann.

Erste Chemo

Heute ist der Tag der ersten Chemo. Ich habe einen Tag zuvor aus dem hiesigen Amtsblatt den Krankentransport angerufen und ihn auf 8 Uhr bestellt. Als der Wagen vorfährt und zwei Sanitäter aus dem Auto springen, bin ich überrascht. Sie auch! So ein großes Auto für eine so quietschfidele Frau hatten sie auch noch nicht. Na ja, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich so einen Wagen natürlich nicht bestellt. Mir wurde nur mitgeteilt, dass ich für den Weg ins Krankenhaus und zurück Krankentransport in Anspruch nehmen soll, da ich selbst nach der Chemo nicht mehr Auto fahren könne oder solle. Wie peinlich, wenn dies nun alle Nachbarn gesehen haben! Wie ärgerlich, wenn die Krankenkasse so einen großen Rettungswagen nicht zahlt! Schluss mit den Schuldgefühlen und dem „Wenn ich bloß ..… hätte ich doch“. Ich werde aus diesem Fehler lernen und für die Rückfahrt nach der Chemo ein normales Taxi bestellen!

Im Krankenhaus gehe ich zur gynäkologischen Ambulanz, melde mich dort an und warte auf das Arztgespräch. Dann werde ich in die onkologische Ambulanz geschickt und in einen der Räume geführt. Ich begrüße leise die anderen fünf Personen, die schon alle in ihren Sesseln sitzen und ihre Infusionen bekommen. „Haben Sie heute schon ihre Tablette geschluckt, die Sie eine Stunde vor der Chemotherapie nehmen sollten?“ fragt mich eine Krankenschwester. Ich bejahe. Es war ein Riesending. Ich schlucke Tabletten überhaupt nicht gern, da ich oft einen Brechreiz verspüre und sie deshalb sicherheitshalber über dem Waschbecken einnehme. Die Krankenschwester weist mich freundlich zu einem freien Sessel. Dann legt sie sich alles bereit, was sie braucht: Nadeln, Kanülen, natürlich Plastikhandschuhe und steriles Vlies und Pflaster. Sie fährt einen Infusionsständer herein. Mir wird ganz schwindelig und schwarz vor den Augen, so dass sie meinen Sessel verstellt und ich liegen kann, bis sich mein niedriger Blutdruck wieder erholt. Beim Einstechen in meinen Port muss ich wegschauen, damit mir nicht wieder schlecht wird. Sie überprüft, ob der Port rückläufig ist und funktioniert. Dann bekomme ich eine Natriumchloridlösung zur Desinfektion angehängt, danach etwas gegen die Übelkeit. Dann erhalte ich die eigentliche Chemo: Epirubicin – eine rote Flüssigkeit, die auch meinen Urin rot färbt. Während diese langsam einläuft, darf ich nicht aufstehen und zur Toilette gehen. Dieses Behandlung dauert Stunden und sie vergehen langsam. Immer wieder sehe ich auf die Uhr im Raum.

Heute ist mir nicht danach, mit anderen Patienten zu reden und vom negativen Gerede der anderen will ich auch nichts mitbekommen. Also stöpsele ich mir meine Ohren zu und höre schöne Musik, die den Schöpfer des Himmels ehrt. Ich halte mich einfach so wie ich jetzt bin vor Gott hin und plötzlich durchleuchtet mich ein Gedanke, von dem ich glaube, dass er von ihm kommt:

„Ich schieße jetzt – wie mit Pfeil und Bogen – die bösen Zellen in deiner Brust ab!“

Ach, das ist tröstlich! Zur Musik stricke ich ein wenig und versuche in einem Buch zu lesen. Doch ich kann mich nicht so recht darauf konzentrieren. Nach vier Stunden bin ich endlich fertig. Ich bekomme noch die Anweisung von der Krankenschwester, welche Tabletten ich heute nach acht Stunden nehmen soll und welche für die nächsten beiden Tagen sind. Dann torkele ich zur Eingangshalle des Krankenhauses und rufe ein Taxiunternehmen an, das mich nach Hause bringt. Ich fühle mich wie benommen und benebelt – wie unter Drogen. Sehr gesprächig bin ich auf der Rückfahrt im Taxi nicht.

Behandlungsbeginn

Auf Rat der Frauenärztin in der Klinik entschließe ich mich, mir eine frische Sommerfrisur schneiden zu lassen, so dass der Übergang zur haarlosen Zeit bzw. der Zeit mit Perücke nicht so krass wird.

Ich lese Psalm 91 und freue mich über den Zuspruch vom himmlischen Liebhaber.

Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln. (Psalm 91,4)

Danke, Jesus, dass du mich kennst. Ich berge mich bei allem emotionalen Auf und Ab unter den Flügeln deiner Nähe.

Es folgen Aufklärungsgespräche zur Chemotherapie und zur Portanlage. Für den kleinen operativen Eingriff, bei dem mir ein Port gelegt wird, beanspruche ich diesen Schutz. Leider bekomme ich trotz lokaler Narkose mit, dass ein Arzt in Ausbildung unter Anleitung eines Facharztes diesen Port einbaut.

Na ja, jeder muss eben lernen und selbst ausprobieren – doch möglichst nicht an mir!

Ich überlege mir, wie ich den Brustkrebs positiv benennen kann.

Worte haben ja schließlich Macht.

Ich rede nicht von meiner Krankheit, denn dann habe ich ja die Krankheit angenommen und zu meiner eigenen gemacht. Dann bin ich krank und das will ich nicht sein. Ich habe auch nicht Krebs, sondern ich komme zu dem Schluss, dass ich eine Diagnose habe – böse Zellen in der rechten Brust – und eine Behandlung bekomme, die ich als Chemo oder Cocktail bezeichne. Für meinen eingebauten Port finde ich auch ein Wort. Ich nenne ich liebevoll „Stöpsel“.

Ich beginne vorsichtig, Menschen, die mir nahe stehen, von der Erkrankung zu berichten. Ich spüre schnell, dass nicht alle Menschen gut damit umgehen können. Meinen Schulleiter habe ich ja schon vor den Pfingstferien von der Diagnose und der wahrscheinlichen Behandlung und meinem Ausfall in Kenntnis gesetzt. Er hat ganz verständnisvoll reagiert.

Ein anderer hat nur gemeint, dass ich mir doch die Brüste abnehmen lassen soll, denn dann hätte ich doch „Ruhe“. Oder andere haben mir von Bekannten erzählt, die auch diesselbe Diagnose hatten und die sehr unter der Chemotherapie litten, Metastasen bekommen hatten und schlussendlich daran gestorben waren.

Danke! Wisst ihr eigentlich, was ihr da gerade sagt? Muss ich mir dies wirklich anhören?

Solche unsensiblen Menschen gegenüber musste ich mich immer wieder entschließen zu vergeben.

In der Lebensgruppe meiner Kirche erzähle ich in der Austauschrunde von dem Befund. Nach dem erstem Schock beten der Pastor und die anderen Teilnehmer für meine Heilung. Es tut gut, andere an diesem „Einbruch“ teilhaben zu lassen und Unterstützung im Gebet zu finden. Das Anliegen wird anonym der Kirche zum Gebet vorgelegt. Mir wird angeboten, dass die Ältesten der Kirche für mich beten und mich salben, so wie es im Jakobusbrief 5,14 erwähnt wird.

Ja, das will ich annehmen.

Zweite Etappe

Das „Ding“ ist in meiner rechten Brust nicht durch ein Wunder sichtbar geschrumpft, wie wir es erbeten haben. So wird mir in der nächsten Brustsprechstunde berichtet.

Okay, dann beginnt die zweite Etappe: Dann wirst du mich, Jesus, durch den Prozess der Chemo heilen.

Für meine Heilung ist Jesus gestorben und hat dafür bezahlt. In der Bibel lese ich, wie Jesus alle Kranken, die zu ihm kamen, geheilt hat – nicht nur einige.

In seinem Körper hat er unsere Sünden auf das Holz (Kreuz) hinaufgetragen, damit wir – für die Sünden gestorben – nun so leben, wie es vor Gott recht ist. Durch seine Wunden (Striemen) seid ihr heil geworden. (1. Petrus 2,4)

Das ist wie ein Bon, den ich jetzt einlösen kann. Es dauert vielleicht eine Weile, bis ich die Heilung bekomme, aber sie ist jetzt schon mein. Wie bei manchen Fastfoodrestaurants warte ich, bis meine Nummer oder mein Name aufgerufen wird und dann kann ich das Bestellte abholen. (B & B Johnson u.a.: Geistlicher Espresso, Grain Press 2013 S.12)

Meine Schwester und andere ermutigen mich, zu einer Heilpraktikerin zu gehen und mich nach alternativen Therapien und Nahrungsergänzungsmittel umzuschauen. Ich erhalte ein Buch von der Deutschen Gesundheitshilfe (Die richtigen Mikronährstoffe bei Krebs) über die positive Wirkungsweisen von Selen, D3 und Vitamin C während der Chemotherapie, so dass die Nebenwirkungen nicht so stark ausfallen sollen.

Außerdem lese ich ein Buch mit dem Titel „Gesund mit der Bibel – Der Weg zu ganzheitlicher Gesundheit und Heilung, 2000)“ von dem Arzt Dr. Reginald Cherry.

Jesus, ich bin verwirrt. Gefühlt erzählt mir jeder von einem anderen Mittelchen, das geholfen hat. Jesus, was soll ich tun?

Ich bin innerlich hin- und hergerissen und erzähle meinem Mann von den verschiedenen Heilmitteln und er reagiert alarmiert. So kenne ich ihn gar nicht. Er ist doch sonst immer die Ruhe selbst. Dann erzählt er mir, dass seine erste Frau, damals im März ihre Krebsdiagnose bekommen hatte und sich bis Juli gegen Chemotherapie gewehrt hatte und nach anderen Alternativen im Internet recherchiert hatte, bis sie recht spät und mit Widerwillen doch die Chemo begonnen hat. Jetzt verstehe ich besser, warum er nicht will, dass ich die Chemotherapie aufschiebe.

Jesus, welche zusätzlichen Mittel soll ich während der Chemotherapie einnehmen?

Ich decke mich ein mit Selen und D3, Zink und Artemisia-Tee aus der gleichnamigen Pflanze, die inzwischen in unserem Garten wächst, ein. Das soll mein Immunsystem stärken. Außerdem lese ich in einem Buch über „Alternative Heilmethoden – ein ärztlicher Leitfaden aus biblischer Sicht“ von Dr Mathias Kropf (Missionswerk Karlsruhe 2008) , dass Dr Carl Peterson, ein Gehirnspezialist der Oral Roberts Universität in Tulsa, Oklahoma, der auf dem Gebiet der Beziehung von Sprachengebet und menschliches Gehirn forschte, herausgefunden hat, dass während des Sprachengebets im Gehirn zwei chemische Substanzen freigesetzt werden, die in unserem Blutkreislauf gelangen und dort die Effektivität unseres Immunsystems um 35 – 40% steigern. Dieser Vorgang wird von einem Teil des Gehirns gesteuert, von dem man bisher annahm, dass er keinerlei Funktion habe (S.248).

Nun fange ich an, regelmäßig in dieser Geheimsprache mit meinem lieben Vater im Himmel zu reden.

Herrlich so mit dir, Jesus, jederzeit online zu sein!

Ich habe auch gelesen, dass bei aggressiven Krebszellen die Wahrscheinlichkeit der Wiedererkrankung höher liegt.

Jesus, ich lege dir meine Ängste hin.

In 5. Mose 31, 6 steht:

Seid getrost und unverzagt, fürchtet euch nicht und lasst euch nicht vor ihnen grauen; denn der Herr, dein Gott, wird selber mit dir ziehen und wird die Hand nicht abtun und dich nicht verlassen.

Gedankenkarussell

Vielleicht heilt mich Gott einfach übernatürlich!

Aber bei mir kommt immer wieder Zweifel auf:

Ist es überhaupt Jesu Wille, mich zu heilen? Ich kenne ja so viele kranke Leute, die er auch nicht geheilt hat und die erste Frau meines Mannes ist auch gestorben. Und doch kann ich selbst in der Bibel nachlesen, dass

„Jesus von Nazareth, von Gott mit dem Heiligen Geist gesalbt und mit Kraft erfüllt wurde und dann im ganzen Land umherzog, Gutes tat und alle heilte, die der Teufel in seiner Gewalt hatte; denn Gott war mit ihm (Apostelgeschichte 10, 38)“

Heilte Jesus nur manche besondere Menschen? Nein, hier heißt es, er heilte alle, die zu ihm gekommen sind. Und hier wird auch ausgesagt, dass Krankheit nach der Bibel kein Schicksalsschlag ist oder von Gott zur Prüfung zugemutet wird, sondern direkt von Mr Dunkel kommt.

Ich durchforste weiter die himmlische Heilige Schrift, was dort über Krankheit und Tod zu lesen ist. Folgende Verse finde ich:

Bei der Wüstenwanderung des Volkes Israels spricht Gott zu ihnen: „Dient ausschließlich dem Herrn, eurem Gott. Wenn ihr das tut, werde ich euch mit Nahrung und Wasser versorgen und Krankheiten von euch fernhalten … und ich will euch ein langes Leben geben (2. Mose 23, 25f).“

„Ich werde nicht sterben, sondern leben, um zu erzählen, was der Herr getan hat (Psalm 118,17).“

Diese Worte der Bibel werden zu Goldstücke, die ich in meinem inneren Schatzkästchen aufbewahre.

Glauben heißt Dinge wie Heilung in Besitz zu nehmen.

Gott möchte mir Heilung und andere Dinge geben, aber ich muss sie auch in Empfang nehmen und mit meinen Händen ergreifen – wie einen Löffel, den ich in die Hand nehme. Nicht nur einmal, sondern immer wieder ergreife ich diese Heilung, weil sie mir durch Zweifel immer wieder flöten geht.

Jesus, so stelle ich mir bildlich vor, dass du die bösartigen Zellen in meiner Brust komplett vertrocknest, weil du der Heiler bist. Ich empfange übernatürliche Heilung von Dir. Dein lebensspendender Geist durchdringe jede Zelle in meinem Körper!

Mein Mann weist mich auf einen weiteren Vers in der Bibel hin:

Wenn Übeltäter mir nahen, um mein Fleisch zu fressen (und das tun Krebszellen), so müssen sie straucheln und fallen. (Psalm 27,2)

Diesen Vers spreche ich täglich wie Medizin laut über mir aus und hoffe auf übernatürliche Heilung in dieser ersten Etappe bis zum nächsten Termin in der Brustsprechstunde Anfang Juni.

Stunde der Wahrheit

Morgens fragt mich eine Kollegin: „Na, freust du dich auch so auf die bevorstehenden Pfingstferien?“

Ich weiß nicht so recht, wie ich antworten soll und antworte vage: „Ich bin erst einmal gespannt, was mir heute Abend bei einer Besprechung aufgetischt wird. An die Pfingstferien kann ich noch gar nicht denken“. Angespannt und nur halb bei der Sache erlebe ich den Schulvormittag.

Abends fahren mein Mann und ich zur Frauenärztin, um die genaue Diagnose zu hören: ca. 2 cm großer Tumor in der rechten Brust, G3, triple negativ, ohne Rezeptoren, sehr aggressiv. Behandlungsvorschlag: neoadjuvante Chemotherapie, OP und dann Bestrahlung. Zunächst muss noch abgeklärt werden, ob es in der Lunge, Leber und Knochen schon Metastasen gibt durch Computertomographie und Knochenszintigraphie. Außerdem soll ein Port gelegt werden, durch den die Chemotherapie hinein fließen soll.

Puh, das ist ein herber Schlag! 24 Wochen Chemotherapie – ein ganzes halbes Jahr meines Lebens. Das hört sich sehr lang und beklemmend an!!!

Aber innerlich bin ich noch im Schockzustand und denke nur an die Sachen, die zu erledigen sind. Ich muss dringend einen Termin mit meinem Chef und Schulleiter ausmachen und ihm von der Diagnose und den Konsequenzen meines langen krankheitsbedingten Ausfalls berichten.

Vor den Schülern spiele ich noch zwei Tage im Unterricht die unbeschwerte Lehrerin, so als ob nichts gewesen wäre, und gleichzeitig verabschiede ich mich innerlich von ihnen. Verrückte Welt! Zum gemeinsamen Mittagessen des Lehrerkollegiums am letzten Schultag vor den Ferien kann ich gar nicht mehr hin, denn durch die Knochenszintigraphie habe ich radioaktives Zeug in mir, das schädlich sein kann für meine schwangere Kollegin und ihr ungeborenes Baby. So werde ich aus einem voll aktiven Berufsleben in der Schule hinauskatapultiert und kann den Kollegen und den Schülern gar nicht persönlich mitteilen, was mit mir los ist. Ob dies der endgültige „Rausschmiss“ aus meiner Lehrerlaufbahn ist?

Jesus, ich weiß es nicht, aber du hältst mich in Händen. Was mache ich in dieser Krankheitszeit? Kann ich es aushalten, so viel zuhause zu sein? Wie fülle ich diese Zeit? Fällt mir nicht die Decke auf den Kopf? Kann ich mich aus-halten ohne ständige Beschäftigung und Tätigsein? Ich bringe dir, Jesus, diese vielen Fragezeichen! Nutze du diese Zeit zu meiner inneren Reifung – einem tiefer Hinein in deine Liebe und einem höher Hinauf in deine Gegenwart.

In den Pfingstferien, als in einer Woche keine weiteren Untersuchungen und Arzttermine anstehen, entscheiden mein Mann und ich uns, trotzdem noch in den geplanten Urlaub zu fahren.

„Mit dem Faltboot auf der Mosel“ © hsr

Wir paddeln auf der Mosel von Quint bei Trier bis nach Cochem: 130 km in 5 Tagen. Wer weiß, ob ich je wieder paddeln kann?

„Herzweinberg an der Mosel“ © hsr

Diesen Weinberg sehen wir am ersten Morgen nach dem Aufwachen und er erfreut mich, denn er drückt so sehr, die Liebe des Schöpfers zu mir, seinem Geschöpf, aus.

Haariges – Teil 1

Meine Haare verlieren – oh nein!

Tränen kullern aus meinen Augen. Dabei habe ich so schöne, dunkelblonde Haare. Schon als Kind wuchsen sie und waren dick und füllig. Ich war stolz darauf. Haare sind ja schließlich die Ehre der Frau.

So glatzköpfig herumlaufen – ist das nicht eine Art „entehrt werden“? Ich will das nicht!

Bei einem Gottesdienst in der Kirchengemeinde vom Nachbarort sehe ich von weitem eine Frau mit Mützchen und schönen Ohrringen. Wahrscheinlich hat sie eine ähnliche Diagnose und auch Chemotherapie bekommen. Ich kenne diese Frau nicht. Ich staune, dass sie so viel Mut hat, sich so zu zeigen, dass jeder sehen kann, was sie hat bzw. was sie nicht hat.

Und dann fängt Jesus, plötzlich an, über meine Haare zu reden:

„Ich nehme dir deine äußere Schönheit für eine Zeitspanne weg, um deine innere Schönheit noch weiter aufzubauen. Bist du dazu bereit?“

Ich schlucke und lasse meinen Tränen freien Lauf. Dieser angekündigte Verlust meiner Haare schmerzt mich tief.

Eine langjährige Freundin kommt am Wochenende zu Besuch. Ich frage sie, ob sie bereit sei, mit mir zu einem speziellen Friseur für Perücken zu gehen und mir beizustehen und mich zu beraten. Bei diesem Friseur probiere ich viele Perücken aus, doch bei den meisten merke ich, dass so eine gestylte Frisur zu mir und meiner unkomplizierten Art nicht passt.

„Im Haarstudio mit meiner Perücke“ © hsr

Na gut, ich habe mich mit dem Thema auseinander gesetzt. Aber ich habe die Haare ja noch!

In mein Tagebuch umschreibe ich einen Bibelvers, der mir wichtig wird:

Gott hat mir nicht einen Geist der Angst – vor Krankheit, Krankenhaus, Chemotherapie, Haarausfall oder Unpässlichkeit – gegeben, sondern einen Geist der Liebe, der Kraft und der Selbstbeherrschung. (2. Timotheus 1,7).