Stürmische Zeiten

Welche stürmischen Zeiten hast du erlebt oder erlebst du gerade? Was hat dir geholfen, sie zu meistern?

Die Ruhe vor dem Sturm – Mischtechnik © hsr

Nach der ersten Chemo kann ich gerade noch zuhause Essensreste vom Vortrag aufwärmen und Salat machen. Dabei bin ich so müde. Fast schweigend essen mein Mann und ich zu Mittag. Mit mir ist einfach heute nichts los. Dann lege ich mich ins Bett und schlafe ca. drei Stunden meinen “Rausch“ aus. Abends fühle ich mich zwar mitgenommen, aber immerhin wacher. Ich schaffe es sogar meinem Mann wenige Meter auf seinem Heimweg entgegenzugehen. Am nächsten Tag schlucke ich mit innerer Überwindung brav die großen Tabletten und bin noch ein wenig müde, aber auch erstaunt, dass es mir gar nicht so schlecht geht, wie ich erwartet habe. Ich kann sogar einkaufen. Abends kann ich zur Grillfete meiner Schulkollegen fahren. Sie sind neugierig, wie es mir geht und wie es mir bisher ergangen ist und ich berichte ihnen fröhlich.

Am vierten Tag nach der ersten Chemotherapie geht es mir ganz mies. Ich muss mich mehrmals übergeben. Mein Kreislauf kollabiert. So liege ich im Bad auf dem Fußboden, bis ich mich wieder aufrichten kann, um ins Bett zu wanken. Dann ein paar Stunden später versuche ich nochmals aufzustehen. Meinen Mann habe ich inzwischen ins Büro verabschiedet. Ein Stockwerk tiefer muss ich mich schon wieder übergeben und schaffe es gerade noch zum Klo. Auch davon muss sich mein Kreislauf erst wieder erholen. Und so liege ich auf dem Fußboden.

„Gott, hilf mir!“‚ bettle ich regelrecht. Ich fühle mich so elend.

Wenig später lege ich mich auf die Coach und döse ein wenig, da ich so matt bin. Dann greife ich nach dem Buch „Geistliches Espresso“, das ich mir extra für diese Auszeit gekauft habe und lese dort über die Stürme des Lebens.

„Ach, das passt ja! Ich stecke gerade in einem heftigen inneren und äußeren Sturm.“

Dort heißt es, dass manche Stürme von Gott kommen, wie bei Jona, um uns zu Gott zurückzubringen, andere Stürme, wie den, den die Freunde Jesu erlebt haben, war von Gottes Gegenspieler, Mr. Dunkel, initiiert worden, um sie vom Willen Gottes wegzubringen (Bill Johnson u.a. „Geistliches Espresso“, S. 29-34). Die Freunde Jesu bitten und betteln während des Sturmes, wie ich gerade, wo es mir so mies geht. Sie wecken Jesus schließlich auf und er tadelt sie. Warum das denn? Sie hatten doch genug Glauben, dass sie sich an Jesus wandten und ihn weckten.

„Was war da falsch?“ frage ich mich.

„Jesus machte seinen Freunden klar, dass es ihre Verantwortung war, dem Sturm Einhalt zu gebieten. Sie hatten ihre Werkzeuge, die sie von Jesus gelernt hatten, im Boot gelassen und vergessen.“

Ach so! Jesus, Du möchtest, dass ich in solch einer Situation mit Dir herrsche und die Nebenwirkungen wie einen Sturm in Deinem Auftrag wegschicke und wie bei einem Paket die Annahme verweigere.“

Hast du mit dieser „Annahme verweigert“ Haltung schon Erfahrungen gemacht? Bitte schreibe mir eine Email, damit ich daran teilhaben kann.

Erste Chemo

Heute ist der Tag der ersten Chemo. Ich habe einen Tag zuvor aus dem hiesigen Amtsblatt den Krankentransport angerufen und ihn auf 8 Uhr bestellt. Als der Wagen vorfährt und zwei Sanitäter aus dem Auto springen, bin ich überrascht. Sie auch! So ein großes Auto für eine so quietschfidele Frau hatten sie auch noch nicht. Na ja, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich so einen Wagen natürlich nicht bestellt. Mir wurde nur mitgeteilt, dass ich für den Weg ins Krankenhaus und zurück Krankentransport in Anspruch nehmen soll, da ich selbst nach der Chemo nicht mehr Auto fahren könne oder solle. Wie peinlich, wenn dies nun alle Nachbarn gesehen haben! Wie ärgerlich, wenn die Krankenkasse so einen großen Rettungswagen nicht zahlt! Schluss mit den Schuldgefühlen und dem „Wenn ich bloß ..… hätte ich doch“. Ich werde aus diesem Fehler lernen und für die Rückfahrt nach der Chemo ein normales Taxi bestellen!

Im Krankenhaus gehe ich zur gynäkologischen Ambulanz, melde mich dort an und warte auf das Arztgespräch. Dann werde ich in die onkologische Ambulanz geschickt und in einen der Räume geführt. Ich begrüße leise die anderen fünf Personen, die schon alle in ihren Sesseln sitzen und ihre Infusionen bekommen. „Haben Sie heute schon ihre Tablette geschluckt, die Sie eine Stunde vor der Chemotherapie nehmen sollten?“ fragt mich eine Krankenschwester. Ich bejahe. Es war ein Riesending. Ich schlucke Tabletten überhaupt nicht gern, da ich oft einen Brechreiz verspüre und sie deshalb sicherheitshalber über dem Waschbecken einnehme. Die Krankenschwester weist mich freundlich zu einem freien Sessel. Dann legt sie sich alles bereit, was sie braucht: Nadeln, Kanülen, natürlich Plastikhandschuhe und steriles Vlies und Pflaster. Sie fährt einen Infusionsständer herein. Mir wird ganz schwindelig und schwarz vor den Augen, so dass sie meinen Sessel verstellt und ich liegen kann, bis sich mein niedriger Blutdruck wieder erholt. Beim Einstechen in meinen Port muss ich wegschauen, damit mir nicht wieder schlecht wird. Sie überprüft, ob der Port rückläufig ist und funktioniert. Dann bekomme ich eine Natriumchloridlösung zur Desinfektion angehängt, danach etwas gegen die Übelkeit. Dann erhalte ich die eigentliche Chemo: Epirubicin – eine rote Flüssigkeit, die auch meinen Urin rot färbt. Während diese langsam einläuft, darf ich nicht aufstehen und zur Toilette gehen. Dieses Behandlung dauert Stunden und sie vergehen langsam. Immer wieder sehe ich auf die Uhr im Raum.

Heute ist mir nicht danach, mit anderen Patienten zu reden und vom negativen Gerede der anderen will ich auch nichts mitbekommen. Also stöpsele ich mir meine Ohren zu und höre schöne Musik, die den Schöpfer des Himmels ehrt. Ich halte mich einfach so wie ich jetzt bin vor Gott hin und plötzlich durchleuchtet mich ein Gedanke, von dem ich glaube, dass er von ihm kommt:

„Ich schieße jetzt – wie mit Pfeil und Bogen – die bösen Zellen in deiner Brust ab!“

Ach, das ist tröstlich! Zur Musik stricke ich ein wenig und versuche in einem Buch zu lesen. Doch ich kann mich nicht so recht darauf konzentrieren. Nach vier Stunden bin ich endlich fertig. Ich bekomme noch die Anweisung von der Krankenschwester, welche Tabletten ich heute nach acht Stunden nehmen soll und welche für die nächsten beiden Tagen sind. Dann torkele ich zur Eingangshalle des Krankenhauses und rufe ein Taxiunternehmen an, das mich nach Hause bringt. Ich fühle mich wie benommen und benebelt – wie unter Drogen. Sehr gesprächig bin ich auf der Rückfahrt im Taxi nicht.

Behandlungsbeginn

Auf Rat der Frauenärztin in der Klinik entschließe ich mich, mir eine frische Sommerfrisur schneiden zu lassen, so dass der Übergang zur haarlosen Zeit bzw. der Zeit mit Perücke nicht so krass wird.

Ich lese Psalm 91 und freue mich über den Zuspruch vom himmlischen Liebhaber.

Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln. (Psalm 91,4)

Danke, Jesus, dass du mich kennst. Ich berge mich bei allem emotionalen Auf und Ab unter den Flügeln deiner Nähe.

Es folgen Aufklärungsgespräche zur Chemotherapie und zur Portanlage. Für den kleinen operativen Eingriff, bei dem mir ein Port gelegt wird, beanspruche ich diesen Schutz. Leider bekomme ich trotz lokaler Narkose mit, dass ein Arzt in Ausbildung unter Anleitung eines Facharztes diesen Port einbaut.

Na ja, jeder muss eben lernen und selbst ausprobieren – doch möglichst nicht an mir!

Ich überlege mir, wie ich den Brustkrebs positiv benennen kann.

Worte haben ja schließlich Macht.

Ich rede nicht von meiner Krankheit, denn dann habe ich ja die Krankheit angenommen und zu meiner eigenen gemacht. Dann bin ich krank und das will ich nicht sein. Ich habe auch nicht Krebs, sondern ich komme zu dem Schluss, dass ich eine Diagnose habe – böse Zellen in der rechten Brust – und eine Behandlung bekomme, die ich als Chemo oder Cocktail bezeichne. Für meinen eingebauten Port finde ich auch ein Wort. Ich nenne ich liebevoll „Stöpsel“.

Ich beginne vorsichtig, Menschen, die mir nahe stehen, von der Erkrankung zu berichten. Ich spüre schnell, dass nicht alle Menschen gut damit umgehen können. Meinen Schulleiter habe ich ja schon vor den Pfingstferien von der Diagnose und der wahrscheinlichen Behandlung und meinem Ausfall in Kenntnis gesetzt. Er hat ganz verständnisvoll reagiert.

Ein anderer hat nur gemeint, dass ich mir doch die Brüste abnehmen lassen soll, denn dann hätte ich doch „Ruhe“. Oder andere haben mir von Bekannten erzählt, die auch diesselbe Diagnose hatten und die sehr unter der Chemotherapie litten, Metastasen bekommen hatten und schlussendlich daran gestorben waren.

Danke! Wisst ihr eigentlich, was ihr da gerade sagt? Muss ich mir dies wirklich anhören?

Solche unsensiblen Menschen gegenüber musste ich mich immer wieder entschließen zu vergeben.

In der Lebensgruppe meiner Kirche erzähle ich in der Austauschrunde von dem Befund. Nach dem erstem Schock beten der Pastor und die anderen Teilnehmer für meine Heilung. Es tut gut, andere an diesem „Einbruch“ teilhaben zu lassen und Unterstützung im Gebet zu finden. Das Anliegen wird anonym der Kirche zum Gebet vorgelegt. Mir wird angeboten, dass die Ältesten der Kirche für mich beten und mich salben, so wie es im Jakobusbrief 5,14 erwähnt wird.

Ja, das will ich annehmen.

Zweite Etappe

Das „Ding“ ist in meiner rechten Brust nicht durch ein Wunder sichtbar geschrumpft, wie wir es erbeten haben. So wird mir in der nächsten Brustsprechstunde berichtet.

Okay, dann beginnt die zweite Etappe: Dann wirst du mich, Jesus, durch den Prozess der Chemo heilen.

Für meine Heilung ist Jesus gestorben und hat dafür bezahlt. In der Bibel lese ich, wie Jesus alle Kranken, die zu ihm kamen, geheilt hat – nicht nur einige.

In seinem Körper hat er unsere Sünden auf das Holz (Kreuz) hinaufgetragen, damit wir – für die Sünden gestorben – nun so leben, wie es vor Gott recht ist. Durch seine Wunden (Striemen) seid ihr heil geworden. (1. Petrus 2,4)

Das ist wie ein Bon, den ich jetzt einlösen kann. Es dauert vielleicht eine Weile, bis ich die Heilung bekomme, aber sie ist jetzt schon mein. Wie bei manchen Fastfoodrestaurants warte ich, bis meine Nummer oder mein Name aufgerufen wird und dann kann ich das Bestellte abholen. (B & B Johnson u.a.: Geistlicher Espresso, Grain Press 2013 S.12)

Meine Schwester und andere ermutigen mich, zu einer Heilpraktikerin zu gehen und mich nach alternativen Therapien und Nahrungsergänzungsmittel umzuschauen. Ich erhalte ein Buch von der Deutschen Gesundheitshilfe (Die richtigen Mikronährstoffe bei Krebs) über die positive Wirkungsweisen von Selen, D3 und Vitamin C während der Chemotherapie, so dass die Nebenwirkungen nicht so stark ausfallen sollen.

Außerdem lese ich ein Buch mit dem Titel „Gesund mit der Bibel – Der Weg zu ganzheitlicher Gesundheit und Heilung, 2000)“ von dem Arzt Dr. Reginald Cherry.

Jesus, ich bin verwirrt. Gefühlt erzählt mir jeder von einem anderen Mittelchen, das geholfen hat. Jesus, was soll ich tun?

Ich bin innerlich hin- und hergerissen und erzähle meinem Mann von den verschiedenen Heilmitteln und er reagiert alarmiert. So kenne ich ihn gar nicht. Er ist doch sonst immer die Ruhe selbst. Dann erzählt er mir, dass seine erste Frau, damals im März ihre Krebsdiagnose bekommen hatte und sich bis Juli gegen Chemotherapie gewehrt hatte und nach anderen Alternativen im Internet recherchiert hatte, bis sie recht spät und mit Widerwillen doch die Chemo begonnen hat. Jetzt verstehe ich besser, warum er nicht will, dass ich die Chemotherapie aufschiebe.

Jesus, welche zusätzlichen Mittel soll ich während der Chemotherapie einnehmen?

Ich decke mich ein mit Selen und D3, Zink und Artemisia-Tee aus der gleichnamigen Pflanze, die inzwischen in unserem Garten wächst, ein. Das soll mein Immunsystem stärken. Außerdem lese ich in einem Buch über „Alternative Heilmethoden – ein ärztlicher Leitfaden aus biblischer Sicht“ von Dr Mathias Kropf (Missionswerk Karlsruhe 2008) , dass Dr Carl Peterson, ein Gehirnspezialist der Oral Roberts Universität in Tulsa, Oklahoma, der auf dem Gebiet der Beziehung von Sprachengebet und menschliches Gehirn forschte, herausgefunden hat, dass während des Sprachengebets im Gehirn zwei chemische Substanzen freigesetzt werden, die in unserem Blutkreislauf gelangen und dort die Effektivität unseres Immunsystems um 35 – 40% steigern. Dieser Vorgang wird von einem Teil des Gehirns gesteuert, von dem man bisher annahm, dass er keinerlei Funktion habe (S.248).

Nun fange ich an, regelmäßig in dieser Geheimsprache mit meinem lieben Vater im Himmel zu reden.

Herrlich so mit dir, Jesus, jederzeit online zu sein!

Ich habe auch gelesen, dass bei aggressiven Krebszellen die Wahrscheinlichkeit der Wiedererkrankung höher liegt.

Jesus, ich lege dir meine Ängste hin.

In 5. Mose 31, 6 steht:

Seid getrost und unverzagt, fürchtet euch nicht und lasst euch nicht vor ihnen grauen; denn der Herr, dein Gott, wird selber mit dir ziehen und wird die Hand nicht abtun und dich nicht verlassen.

Gedankenkarussell

Vielleicht heilt mich Gott einfach übernatürlich!

Aber bei mir kommt immer wieder Zweifel auf:

Ist es überhaupt Jesu Wille, mich zu heilen? Ich kenne ja so viele kranke Leute, die er auch nicht geheilt hat und die erste Frau meines Mannes ist auch gestorben. Und doch kann ich selbst in der Bibel nachlesen, dass

„Jesus von Nazareth, von Gott mit dem Heiligen Geist gesalbt und mit Kraft erfüllt wurde und dann im ganzen Land umherzog, Gutes tat und alle heilte, die der Teufel in seiner Gewalt hatte; denn Gott war mit ihm (Apostelgeschichte 10, 38)“

Heilte Jesus nur manche besondere Menschen? Nein, hier heißt es, er heilte alle, die zu ihm gekommen sind. Und hier wird auch ausgesagt, dass Krankheit nach der Bibel kein Schicksalsschlag ist oder von Gott zur Prüfung zugemutet wird, sondern direkt von Mr Dunkel kommt.

Ich durchforste weiter die himmlische Heilige Schrift, was dort über Krankheit und Tod zu lesen ist. Folgende Verse finde ich:

Bei der Wüstenwanderung des Volkes Israels spricht Gott zu ihnen: „Dient ausschließlich dem Herrn, eurem Gott. Wenn ihr das tut, werde ich euch mit Nahrung und Wasser versorgen und Krankheiten von euch fernhalten … und ich will euch ein langes Leben geben (2. Mose 23, 25f).“

„Ich werde nicht sterben, sondern leben, um zu erzählen, was der Herr getan hat (Psalm 118,17).“

Diese Worte der Bibel werden zu Goldstücke, die ich in meinem inneren Schatzkästchen aufbewahre.

Glauben heißt Dinge wie Heilung in Besitz zu nehmen.

Gott möchte mir Heilung und andere Dinge geben, aber ich muss sie auch in Empfang nehmen und mit meinen Händen ergreifen – wie einen Löffel, den ich in die Hand nehme. Nicht nur einmal, sondern immer wieder ergreife ich diese Heilung, weil sie mir durch Zweifel immer wieder flöten geht.

Jesus, so stelle ich mir bildlich vor, dass du die bösartigen Zellen in meiner Brust komplett vertrocknest, weil du der Heiler bist. Ich empfange übernatürliche Heilung von Dir. Dein lebensspendender Geist durchdringe jede Zelle in meinem Körper!

Mein Mann weist mich auf einen weiteren Vers in der Bibel hin:

Wenn Übeltäter mir nahen, um mein Fleisch zu fressen (und das tun Krebszellen), so müssen sie straucheln und fallen. (Psalm 27,2)

Diesen Vers spreche ich täglich wie Medizin laut über mir aus und hoffe auf übernatürliche Heilung in dieser ersten Etappe bis zum nächsten Termin in der Brustsprechstunde Anfang Juni.

Stunde der Wahrheit

Morgens fragt mich eine Kollegin: „Na, freust du dich auch so auf die bevorstehenden Pfingstferien?“

Ich weiß nicht so recht, wie ich antworten soll und antworte vage: „Ich bin erst einmal gespannt, was mir heute Abend bei einer Besprechung aufgetischt wird. An die Pfingstferien kann ich noch gar nicht denken“. Angespannt und nur halb bei der Sache erlebe ich den Schulvormittag.

Abends fahren mein Mann und ich zur Frauenärztin, um die genaue Diagnose zu hören: ca. 2 cm großer Tumor in der rechten Brust, G3, triple negativ, ohne Rezeptoren, sehr aggressiv. Behandlungsvorschlag: neoadjuvante Chemotherapie, OP und dann Bestrahlung. Zunächst muss noch abgeklärt werden, ob es in der Lunge, Leber und Knochen schon Metastasen gibt durch Computertomographie und Knochenszintigraphie. Außerdem soll ein Port gelegt werden, durch den die Chemotherapie hinein fließen soll.

Puh, das ist ein herber Schlag! 24 Wochen Chemotherapie – ein ganzes halbes Jahr meines Lebens. Das hört sich sehr lang und beklemmend an!!!

Aber innerlich bin ich noch im Schockzustand und denke nur an die Sachen, die zu erledigen sind. Ich muss dringend einen Termin mit meinem Chef und Schulleiter ausmachen und ihm von der Diagnose und den Konsequenzen meines langen krankheitsbedingten Ausfalls berichten.

Vor den Schülern spiele ich noch zwei Tage im Unterricht die unbeschwerte Lehrerin, so als ob nichts gewesen wäre, und gleichzeitig verabschiede ich mich innerlich von ihnen. Verrückte Welt! Zum gemeinsamen Mittagessen des Lehrerkollegiums am letzten Schultag vor den Ferien kann ich gar nicht mehr hin, denn durch die Knochenszintigraphie habe ich radioaktives Zeug in mir, das schädlich sein kann für meine schwangere Kollegin und ihr ungeborenes Baby. So werde ich aus einem voll aktiven Berufsleben in der Schule hinauskatapultiert und kann den Kollegen und den Schülern gar nicht persönlich mitteilen, was mit mir los ist. Ob dies der endgültige „Rausschmiss“ aus meiner Lehrerlaufbahn ist?

Jesus, ich weiß es nicht, aber du hältst mich in Händen. Was mache ich in dieser Krankheitszeit? Kann ich es aushalten, so viel zuhause zu sein? Wie fülle ich diese Zeit? Fällt mir nicht die Decke auf den Kopf? Kann ich mich aus-halten ohne ständige Beschäftigung und Tätigsein? Ich bringe dir, Jesus, diese vielen Fragezeichen! Nutze du diese Zeit zu meiner inneren Reifung – einem tiefer Hinein in deine Liebe und einem höher Hinauf in deine Gegenwart.

In den Pfingstferien, als in einer Woche keine weiteren Untersuchungen und Arzttermine anstehen, entscheiden mein Mann und ich uns, trotzdem noch in den geplanten Urlaub zu fahren.

„Mit dem Faltboot auf der Mosel“ © hsr

Wir paddeln auf der Mosel von Quint bei Trier bis nach Cochem: 130 km in 5 Tagen. Wer weiß, ob ich je wieder paddeln kann?

„Herzweinberg an der Mosel“ © hsr

Diesen Weinberg sehen wir am ersten Morgen nach dem Aufwachen und er erfreut mich, denn er drückt so sehr, die Liebe des Schöpfers zu mir, seinem Geschöpf, aus.

Haariges – Teil 1

Meine Haare verlieren – oh nein!

Tränen kullern aus meinen Augen. Dabei habe ich so schöne, dunkelblonde Haare. Schon als Kind wuchsen sie und waren dick und füllig. Ich war stolz darauf. Haare sind ja schließlich die Ehre der Frau.

So glatzköpfig herumlaufen – ist das nicht eine Art „entehrt werden“? Ich will das nicht!

Bei einem Gottesdienst in der Kirchengemeinde vom Nachbarort sehe ich von weitem eine Frau mit Mützchen und schönen Ohrringen. Wahrscheinlich hat sie eine ähnliche Diagnose und auch Chemotherapie bekommen. Ich kenne diese Frau nicht. Ich staune, dass sie so viel Mut hat, sich so zu zeigen, dass jeder sehen kann, was sie hat bzw. was sie nicht hat.

Und dann fängt Jesus, plötzlich an, über meine Haare zu reden:

„Ich nehme dir deine äußere Schönheit für eine Zeitspanne weg, um deine innere Schönheit noch weiter aufzubauen. Bist du dazu bereit?“

Ich schlucke und lasse meinen Tränen freien Lauf. Dieser angekündigte Verlust meiner Haare schmerzt mich tief.

Eine langjährige Freundin kommt am Wochenende zu Besuch. Ich frage sie, ob sie bereit sei, mit mir zu einem speziellen Friseur für Perücken zu gehen und mir beizustehen und mich zu beraten. Bei diesem Friseur probiere ich viele Perücken aus, doch bei den meisten merke ich, dass so eine gestylte Frisur zu mir und meiner unkomplizierten Art nicht passt.

„Im Haarstudio mit meiner Perücke“ © hsr

Na gut, ich habe mich mit dem Thema auseinander gesetzt. Aber ich habe die Haare ja noch!

In mein Tagebuch umschreibe ich einen Bibelvers, der mir wichtig wird:

Gott hat mir nicht einen Geist der Angst – vor Krankheit, Krankenhaus, Chemotherapie, Haarausfall oder Unpässlichkeit – gegeben, sondern einen Geist der Liebe, der Kraft und der Selbstbeherrschung. (2. Timotheus 1,7).

Der Schock (Teil 2)

Am nächsten Tag, Dienstag, versuche ich in der Schule so gut wie möglich zu funktionieren und den Schock über die Diagnose auszublenden.

Am frühen Abend treffe ich in der Praxis der Frauenärztin ein. Die langjährige Arzthelferin wiegelt mich ab und sagt “Die Vertretung ist so eine junge, unerfahrene Ärztin, die sich nur um die Schwangeren kümmert und mich bloß verunsichern würde.“ Nachdem sie das Fax des Esslinger Arztes gelesen hat, meint sie ganz trocken und unverblümt: „Bei Ihrer Diagnose dauert es eben ein Jahr; eine OP mit Chemotherapie und Bestrahlung, und dann ist es wieder gut.“ Ich bin sprachlos und fühle mich wie ein begossener Pudel. Sie sagt, dass ich in einer Woche wieder kommen und mir die Diagnose und die weitere Vorgehensweise von der Frauenärztin genauer erklären lassen soll. Eine ganze Woche soll ich mit dieser Diagnose im Nacken und keinerlei Klarheit, wie es weiter geht, aussitzen und abwarten? „Jesus, hilf mir, mit dieser Ungewissheit umzugehen. Ich weiß nicht, wann die OP sein wird. Ich kann nichts planen und keinen Termin festlegen. Das fällt mir schwer, Jesus. Ich spüre den Kontrollverlust über mein weiteres Leben. Ich übergebe dir, Jesus, die Kontrolle und die Planung für alles Weitere.

Im Laufe der Woche rufe ich jede einzelne der Töchter meines Mannes an, um ihnen persönlich von der Diagnose zu erzählen. Es schlaucht mich emotional, so dass ich nur häppchenweise jeden Tag eine Tochter anrufe. Sie sind ebenso wie ich tief betroffen. Mit jeder einzelnen halte ich die Ungewissheit aus, wie es mit mir weiter gehen wird, und auch den Schmerz und die Trauer um ihre eigene Mutter mit ähnlicher Diagnose.

Wie gut, dass diese Woche durch den Feiertag eine kurze Schulwoche ist! An Christi Himmelfahrt nehmen wir uns als Paar ausgiebig Zeit für Besinnung, für uns und mit Gott. Wir sitzen am Morgen im Garten, umrahmt von roten und rosafarbenen Tulpen und gelbem Hahnenfuß auf der Wiese. Wir atmen tief die Frische ein! Bibel, Kaffeetasse, Tagebuch und Stifte liegen griffbereit neben uns.

„Stammplatz im Garten“ © hsr

Mir fällt ein Vers aus dem Johannesevangelium ins Auge, den Jesus zu seinen engsten Freunden sagt: „Ich werde bzw. ich will euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch!“ (Johannes 14, 18) Als Waise müsste ich gucken, wie alleine zurechtkomme, ohne Anlaufstelle oder Unterstützung. Ich wäre völlig auf mich allein gestellt, auch gerade in dieser Situation. Doch hier spricht Jesus von seinem und meinem himmlischen Papa, der nicht weit weg oder abwesend oder unwillig ist, sondern der gerne zu mir kommt (in der Form des Heiligen Geistes) und mich besucht, der mit mir im Gespräch bleibt und mir beisteht und mir hilft. Wie schön!

Mein Mann hat ein Büchlein über Heilung (Christoph Häselbarth: Heilung – Wie wir für Heilung beten können“, Josua-Dienst) hervorgeholt und liest mir vor, dass Brustkrebs ggf. von Bitterkeit und Enttäuschung über Männer herrühren kann bzw. dass durch Groll über Männer wir dem Feind, Mr. Dunkel, Raum und Anrechte auf unser Leben geben können.

„Kann das auf mich zutreffen, Jesus? Nun, sehr gute Erfahrungen habe ich mit Männern nicht gemacht – mein Mann ist da eine Ausnahme! Ein naher Verwandter scheint sich nach dem Tod seiner Ehefrau nicht sehr für mich zu interessieren, da er selten anruft und mehr damit beschäftigt ist, wie er eine Philippinin, die er zufällig in Manila kennen gelernt hat, ins Land schleusen kann. Dabei ist er über 80 Jahre und die Freundin gerade mal 30 Jahre. Für mich grenzt diese Angelegenheit an Menschenhandel.“

Deshalb beten wir stellvertretend für diesen Mann: „Jesus, bitte vergib S., dass er seinen unreinen Gedanken freien Lauf lässt und aus eigenem Gutdünken und nur mit seinen Mitteln, ohne auf deine Möglichkeiten zu vertrauen, für sein Leben im Alter vorsorgen will und mit den schlechten Lebensvoraussetzungen dieser jungen Dame spielt. Ich löse mich von den Auswirkungen und Folgen dieser Schuld auf mich.“

Anschließend nehmen wir gemeinsam das Abendmahl als Stärkung ein. Dabei spüre ich, wie Jesus mich von diesem Negativem durch seinen Tod und seine Auferstehung befreit hat, was heute noch Gültigkeit hat.

Einen Tag später besuche ich meine Nichte in Augsburg, ihrem neuen Domizil. Ich erzähle ihr von dem Befund, und ich spüre ihre Angst um mich, die ich nun neben meiner eigenen aushalten muss. Wir erkunden gemeinsam die Stadt, gehen in einen Second-Hand-Laden und beraten uns gegenseitig. Dann fahren wir zum Gebetshaus und sind einfach still vor Gott. Dort singt gerade eine Lobpreisband ein altes Kirchenlied von Nikolaus Graf von Zinzendorf, das mich anspricht:

Auf die Liebe bau ich Häuser

gegen allen Sturm und Wind.

Christus lieben ist gewiss

Satans größtes Hindernis.

Wo er Liebe Christi siehet

Da ist‘s ausgemachet, er fliehet.

In mein Tagebuch notiere ich folgende Antwort auf dieses Lied: „Jesus, du darfst machen, was du möchtest. Ich erlaube dir, mit mir zu machen, was das Beste für mich ist, ein leidender Heilungsweg, bei dem ich dich noch mehr kennen – und lieben lerne oder eine kraftvolle Heilung, bei der ich dir die Ehre geben möchte. Mein Herz gehört dir! Meine Brust gehört dir! Mein Leben gehört dir!“ Dann sehe ich noch ein inneres Bild vor meinen Augen: Ein Drachen spuckt Feuer in meine Richtung. Jesus ist auch auf der Bildfläche. Er sagt zu mir: „Schau in meine Augen! Denn wenn du den Drachen  – deine Diagnose Krebs – betrachtest, steigen deine Ängste. Ich stelle mich hinter dich und halte einen spitzen Pfeil in der Hand, mit dem ich dem Drachen ein Ende bereiten werde.“

Der Schock

Ich fahre mit der S-Bahn nach Esslingen. Die Frauenärztin, die ich mir neu gesucht habe, hat mir dazu geraten. In diesem Institut soll der Arzt auch gleich die Möglichkeit für eine Biopsie haben. In der Tat entnimmt der Arzt nach der Mammographie auch eine Gewebeprobe und meint, dass der Knubbel, den mein Mann schon ertasten konnte, nur eine Zyste war, aus der ein wenig Flüssigkeit heraus kam. Meine Brust weist so viele Zysten auf. Das kenne ich schon. Ich bin erleichtert.

Danke, Jesus, für diese Entwarnung!“ spreche ich leise. Und als positiv eingestellter Mensch, der davon ausgeht, dass nichts Negatives herauskommt, fahre ich vergnügt heim und freue mich.

Die Familie, die ich mit meiner Heirat dazu gewonnen habe – stolze 12 Personen – hat sich an diesem Wochenende zu Besuch angesagt. Ich habe mir die Familientradition zu eigen gemacht, dass alle bisherigen Geburtstage der Familienmitglieder dieses Jahres gemeinsam nach gefeiert werden. So gibt es noch einiges einzukaufen und vorzubereiten. Es ist schön, so eine große und bunte Familie mit drei Enkelkindern mit geheiratet zu haben.

Am nächsten Tag erwache ich – oh weh – mit starken Kopfschmerzen. Migräne! Mist – gerade jetzt, wo die Familie da ist und ich Zeit mit ihnen verbringen will, liege ich im verdunkelten Schlafzimmer und höre die verschiedenen Stimmen im belebten Haus. Nicht einmal aufstehen geht mehr, denn ich muss mich übergeben. „Jesus, warum gerade heute? War dieser Mammographie Termin gestern doch nicht so eine Bagatelle? Meldet sich hier mein Unterbewusstsein und fordert Ruhe ein?“

Am späten Abend kann ich wieder aufstehen und mich zur Familie setzen und Gemeinschaft mit ihnen genießen. „Danke, Jesus!“ Auch am Sonntag sitzen wir bei herrlichem Sonnenschein gemütlich auf der Terrasse und die Enkelkinder springen im Garten herum und erkunden den unebenen Dschungelpfad zwischen unseren Johannisbeeren und den ersten Rosenblüten.

„Rosen im Garten“ © hsr

Eine der Töchter meines Mannes entschließt sich, einen Tag länger bei uns zu bleiben, da sie als Krankenschwester nach dem Schichtdienst einen freien Tag hat und sich hier im Grünen viel besser erholen kann und den Frühling genießen kann als in ihrem Zuhause. Ich dagegen fahre in die Schule, bei der ich schon fast ein Jahr arbeite, und komme erst nach der Teamsitzung nach Hause. Ich rieche das leckere Mittagessen schon! Oh wie schön ist es, bekocht zu werden, vor allem wenn ich von einem anstrengenden Schulmontag heimkomme. Bei der Ankunft sehe ich ein blinkendes rotes Licht am Telefon. Ach ja, der gute alte Anrufbeantworter – liebevoll James genannt! In einer ruhigen Minute höre ich ihn kurz ab, bevor es zum Mittagessen geht. Es ist der Arzt von diesem Esslinger Institut für Mammographie: „Frau Ross, bitte rufen Sie mich umgehend zurück!“ Ich werde neugierig und ahne nichts Gutes. Beim Rückruf meint er: „Ich habe leider schlechte Nachrichten für Sie. Bei der pathologischen Untersuchung Ihrer Gewebeprobe wurden Krebszellen gefunden und Sie sollten sich in den nächsten 2-3 Wochen operieren lassen.“ Mir wird ganz schwindelig zumute. „Ich habe Ihre Frauenärztin schon informiert, aber sie ist diese Woche in Urlaub. Sie können auch in Esslingen operiert werden.“ Schockzustand!

Beim Mittagessen bekomme ich nicht viel herunter, aber ich lasse mir es nicht groß anmerken. Ich will jetzt mit meinem Mann allein sein. Wie kann ich das hin deichseln? Ich schlage ihm vor, mit ihm ins Büro zu laufen, statt Mittagsschlaf wie sonst. Er freut sich, doch er ahnt noch nichts! Auf dem Weg durch den maigrünen Wald mit lieblichen Ausblick über meine neue Heimat, schütte ich ihm mein Herz aus und erzähle ihm von dem Telefonat mit dem Esslinger Arzt. Hartmut reagiert gefasst und umarmt mich erst einmal. Das kann ich jetzt brauchen! Einen, der sich zu mir stellt! Wahrscheinlich trifft ihn der Schlag, doch, typisch Mann, zeigt er es nicht so. Im Büro wird er wohl erst mal sein inneres Durcheinander verdauen.Was ist jetzt zu tun? Was ist der nächste Schritt, Jesus? In welche Klinik soll ich zur Operation gehen? Ich kenne mich doch hier noch nicht so aus.“

Ich entscheide mich, am nächsten Tag die Praxis der Frauenärztin aufzusuchen – auch wenn nur eine Vertretung präsent ist, und mache einen Termin aus. Als mein Mann Feierabend macht und heimkommt, erzählen wir seiner Tochteri von dieser Diagnose. Sie ist fassungslos und hat ein Deja Vu. So einen Befund hatte auch ihre Mutter vor Jahren bekommen und ist letztendlich an einem Rezidiv gestorben. Mir tut es so leid, dass ich durch meine Diagnose bei meinem Mann und den anderen Töchter alte, unschöne Erinnerungen wecke und diese hochkommen. Wir beschließen den tränenreichen Abend mit Gebet: „Jesus, reinige Heike von allen diesen bösen Zellen! Ich rufe dich als Herrn des Lebens an und spreche Leben in alle Zellen ihres Körpers.“ betet mein Mann. „Jesus, schenke meinem Mann und den Töchtern eine neue Tiefe an innerer Heilung von alten Erinnerungen und Erfahrungen!“ bete ich.

Kopfkino Krebs

Krebs – das Unwort des Jahres

Opfer – ich? Nein danke!

Perücke – keiner merkt mein

Fehlendes Haar – Versteckspiel!

Krank – offiziell schon – ich sehe mich nicht so

Instabil eher

Niemand will mit mir tauschen

OP kurz und schmerzlos

Kreisende Gedanken

Ruhelosigkeit

Erzähl sie mir, sagt Gott!

Bitte schön…

Schon spüre ich Entlastung.