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Operation

Heute denke ich an die Diagnose, die ich vor vier Jahren bekommen habe und mich und unser Leben durcheinander geschüttelt und erschüttert hat. Ich staune auch darüber, wie Gott aus dem Negativen und Bösem der Diagnose Gutes hat wachsen lassen: neue Haare, neue Job, neue Beziehungen. So herr-lich ist Gott!

Und ich erinnere mich an die OP:

Heute ist der Tag! Mein Köfferchen ist gepackt. Ich bin bereit. Mein Mann segnet mich und stellt mich unter den Schutz meines himmlischen Papas und fährt mich zum Krankenhaus und übergibt mich den Krankenschwestern für die OP-Vorbereitung. Ich bin die vierte auf der Liste. Na, das hört sich gut an. Ich habe mir schon vorgestellt, wie es sein würde, durstig und ausgetrocknet auf eine OP zu warten und dann erst nachmittags dranzukommen und wie dann die Angst häppchenweise in mir hochklettern würde.

Einige Tage vor der OP klopft die Angst vor der Narkose, vor der OP, vor den möglichen Schmerzen und dem Krankenhausaufenthalt an und will mich bedrücken.

Danke, himmlischer Papa, dass du zärtlich fürsorglich und gut bist. Ich entscheide mich, dir, meinem Ratgeber und Friedefürst mehr zu glauben als den aufkommenden Ängsten und Lügen.

Ich habe eine andere Strategie: ich möchte einen spannenden israelischen Krimi lesen. Ich frage die Krankenschwester, ob ich ihn bis kurz vor der OP lesen kann. Sie ist eine Nette und erlaubt es mir. So kann ich meine Gedanken auf etwas anderes lenken und diesen Krimi wollte ich schon lange mal lesen. Doch vorher gibt es ein Problem. Der Radiologe hat Schwierigkeiten, das Tumorbett zu lokalisieren. Bei der letzten Mammographie vor einem Monat konnte der eingebaute Clip nicht mehr klar identifiziert werden. Er probiert eine Möglichkeit, ihn zu orten, doch dieser Versuch scheitert an technischen Problemen. Innerlich wende ich mich an meinen himmlischen Papa und bitte ihn um eine Lösung. Der Radiologe beschließt, es eben doch nochmal mit einer Mammographie zu versuchen, und siehe, da, der Clip ist sichtbar. Er betäubt die Brust mit einer kleinen Spritze und kann seinen Draht bis zum Clip hinein schieben.

Von der OP bekomme ich nichts mit und bald liege ich auf Station. Jetzt darf ich wieder trinken und erwarte sehnsüchtig das Abendessen, das ich mir aussuchen darf. „Es ist gut verlaufen“ meint der operierende Arzt abends. „Ich glaube, wir haben alles herausgenommen“. „Schön!“, sage ich hoffnungsvoll.

„Wollen Sie eine Thrombosespritze oder ein wenig umher laufen?“ werde ich von einer Krankenschwester gefragt, die zugibt, dass die Thrombosespritze nicht auf der Ausgabeliste für mich steht. Nach meinen gestrigen Erfahrungen von dem Piekser, der es in sich hatte vom Nuklearmediziner, entscheide ich mich für vorsichtiges Herumlaufen. Hätte der Nuklearmediziner es nicht auch so machen können wie der Radiologe heute Morgen und mir eine lokale Betäubung geben können? Ich spüre, wie mir dies keine Ruhe lässt und wie ich immer noch Groll gegen diesen Arzt hege. Mein himmlischer Papa flüstert mir ins Ohr und fragt mich, ob ich bereit bin zu vergeben. Doch in meinen Emotionen tobt es noch immer: Wie kann er so gefühllos und unsensibel sein und Frauen wie mir keine örtliche Betäubung anbieten? Doch ich treffe eine Willensentscheidung – ohne bzw. gegen meine Gefühle.

Jesus, du hast mir so viele Fehler vergeben, wo ich dich bewusst oder unbewusst verletzt habe. Du hast für mein „Zu-Schulden-kommen“ am Kreuz unter Todesqualen gelitten, damit Freiheit von Schuld und Scham für mich möglich wird. Und so entscheide ich mich jetzt, diesem Arzt zu vergeben, dass er mir so wehgetan hat. Und ich entlasse ihn in die Freiheit meiner Vergebung und werde es ihm nicht nachtragen. Ich danke dir für die empfangene Vergebung.

„Festhalten“ – Mischtechnik mit Gipsbinden © hsr

Ich spüre eine befreiende Leichtigkeit aufkommen. Meine Gefühle für den Arzt werden schon noch meiner Willensentscheidung folgen. Und einige Tage später gebe ich ihm eine freundliche und positiv formulierte Patientenrückmeldung ab, in der Hoffnung, dass andere Frauen besser – mit weniger Schmerzen – behandelt werden.

Im Krankenhaus höre ich Lobpreislieder mit den Stöpseln im Ohr oder plaudere mit meiner Bettnachbarin mit stattlichen 88 Jahren auf dem Buckel. Wie schön, dass ich schon wieder aufstehen und langsam mit den Drainagen in einer Tasche versteckt herumlaufen kann. So nutze ich die sonnigen Tage und lese im Park meinen angefangenen Krimi.

Von den Ärzten angeordnet muss ich einen speziellen engen BH Tag und Nacht tragen und darf nicht schwer tragen. Auf Fahrradfahren und anderen schweren Sport soll ich für 6 Wochen auch verzichten. Das ist eine lange Zeit für eine begeisterte E-Bikerin wie mich!!! Ich entwickle eine neue Strategie: Ich frage eine andere Ärztin. Sie verkürzt auf 4 Wochen. Bei dem Abschlussgespräch nach 3 Wochen frage ich wieder und ich bekomme eine zufriedenstellende Antwort: „Sie dürfen den Arm schon wieder richtig, wenn auch vorsichtig, bewegen und Fahrrad fahren dürfen Sie auch!“ „Außerdem wurden keinerlei bösartige Krebszellen im Tumorbett und in den zwei Lymphknoten, die wir entfernt haben, gefunden.“

Wie glücklich und dankbar bin ich über diese Aussage, wo ich doch vorher nochmals die wichtigen Worte, die Gott mir durch die Bibel zugesagt hat, laut über mir ausgesprochen habe. Für mich sind solche Zusagen Gottes wie der Stab, auf den man sich beim Hochsprung stützt, um die notwendige Höhe zu bekommen, um über das Hindernis zu springen.

Ein Piekser, der es in sich hat!

„Aua“ schreie ich und Tränen laufen mir aus allen Knopflöchern. Der Arzt meint nur ganz gelassen: „So nun haben wir die erste.“ „Aua“, schreie ich wieder und weitere Tränen laufen wie kleine Rinnsale über mein Gesicht. Ich fühle mich ganz benommen von diesem Schmerz. „So jetzt sind wir fertig! Sie können im Wartezimmer Platz nehmen und ungefähr eine Stunde warten.“ Schnell ziehe ich mir etwas über und wanke ins Wartezimmer. Noch immer laufen mir die Tränen. Ich kann sie nicht stoppen. Wie peinlich! Denn im Wartezimmer sitzt eine Frau. Aber ich kann nicht anders. Der erlebte Schmerz kommt immer wieder hoch und lässt mich vor mich hin winseln, wo ich doch sonst eigentlich ganz tapfer bin. Aber solche Schmerzen habe ich noch nie erlebt. Ich versuche mich zu beruhigen. Ich ziehe meine Ohrstöpsel und mein Handy aus dem Rucksack und höre per Youtube Lobpreislieder und sehe durch einen Tränenschleier die dazugehörigen schönen Landschaften an. Dies beruhigt meine Seele ein wenig, wenn da nicht die Whatsapps einer guten Freundin kommen würden, die sich durch ein Foto eines Projekts, das ich ihr so ganz ahnungslos geschickt habe, aufregt, dass die Wessis meinen, sie wüssten alles besser als die Ossis. Oh, da habe ich gerade unbewusst ihren Nerv getroffen. Aber ich kann und mag jetzt nicht mit ihr über Whatsapp darüber diskutieren, nicht in dem Schmerz, der mich gerade benebelt. Tut mir leid, aber jetzt kann ich dein Gejammer nicht anhören und nicht vertragen.

Nach 40 Minuten werde ich wieder ins Behandlungszimmer gerufen. So halbnackt liege ich da und warte. Na gut, ich kann ja meine Antenne zu Gott ausfahren. Überhaupt habe ich mir angewöhnt, im Alltag oder wenn ich in einer Röhre gesteckt werde, leise in der Geheimsprache mit meinem himmlischen Papa zu kommunizieren. Und so liege ich nun da und warte. Die Zeit vergeht. Der Blick zur Arzthelferin ist verdeckt durch die Röhre. Ich bewege mich, um ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen. Mir ist sooo kalt. Sie kommt aus dem Nebenzimmer heraus, an dem sie schon längere Zeit vor dem Computer verbracht hat. Ich erkläre ihr mein Anliegen, dass ich friere, und sie bringt mir eine Decke. Der Arzt lässt auf sich warten. Dann kommt er, und ich zucke zusammen. Er meint: „Jetzt tue ich Ihnen nicht mehr weh!“ Gut so, denke ich, das war vorhin auch wirklich genug. Weiß er überhaupt, wie weh es tut, wenn man einer Frau in die Brustwarze piekst und radioaktives Zeug spritzt? Und das gleich zwei Male! Höllische Schmerzen! Nun werden von meiner rechten Brust von allen Seiten Aufnahmen gemacht. Die radioaktive Flüssigkeit soll von der Brustwarze bis zu den Lymphknoten unter der Achsel wandern und so diese markieren. Ich bekomme sie auch äußerlich mit schwarzem Edding markiert mit dem Auftrag „Bitte nicht waschen!“ Na gut, auf eine Dusche einen Tag vor meiner Brust-OP kann ich verzichten. Der Arzt verabschiedet sich zweisilbig. Endlich darf ich gehen! Nichts wie raus hier! Wo bleibt denn hier die Menschlichkeit? Zu diesem Nuklearmediziner gehe ich nie wieder, denke ich. Der ist mehr an der Medizintechnik interessiert als an seinen Patienten. Wie bin ich froh, dass ich nun endlich gehen darf.

Da war ich auf 11 Uhr bestellt und komme erst um 13.15 heraus. Es ist unser zweiter Hochzeitstag. Ich habe ihn mir schöner vorgestellt. Ich schreibe meinem Mann eine Nachricht und erkläre ihm kurz, dass die Sentinelmarkierung ganz grausam war und ich seelisch noch sehr mitgenommen bin von solch fiesen Schmerzen. Wir treffen uns und radeln gemeinsam los zu dem Restaurant, in dem wir vor zwei Jahren unsere Hochzeit gefeiert haben. Wir müssen uns beeilen, denn die Küche hat nur bis 14 Uhr geöffnet und das Restaurant liegt auf einem Berg.  Wir radeln los – ich mit E-bike und mein Mann mit seinem speziell angefertigten Rennrad, das schon über 20 Jahre alt ist. Ich fahre mit meinem Bike voraus und warte oben auf der Anhöhe auf ihn. Aber er kommt und kommt nicht. Komisch! Sonst ist er doch viel schneller. Ich beschließe zurück zu fahren, und nehme bei einer Wegkreuzung einen anderen Weg. Vielleicht ist er anders abgebogen als ich.

Jesus, lass uns doch in dieser uns unbekannten Gegend wieder zusammenfinden.“

Um die Kurve treffe ich auf Hartmut. Wie gut! Da die Zeit weiter fortgeschritten ist, entschließen wir uns, unser Hochzeitsrestaurant aufzugeben und einfach zu „unserem“ Italiener auf dem Heimweg zu radeln. Ich habe so richtig Hunger und bin schon ein wenig unterzuckert. Doch „unser “ Italiener hat zu, die Zweigstelle hat gerade noch offen und wir dürfen als einzige Gäste noch Pizza und Salat bestellen. Wir bedanken uns besonders und erklären der Kellnerin, dass wir heute unseren zweiten Hochzeitstag feiern. Sie freut sich mit. Natürlich hätte ich auch selbst kochen können, aber so war es doch schöner.

Wie so oft hat mir ein Mittagsschläfchen wieder sehr gut getan. Das hilft mir häufig bei solchen inneren Anstrengungen und Verarbeitung von Schmerz.

Abends habe ich mich dann chic gemacht und mein Hochzeitskleid angezogen. Was soll es auch nur im Schrank hängen? Einmal im Jahr will ich es herausholen und damit unsere Ehe feiern.

Ich habe mir den zweiten Hochzeitstag zwar anders vorgestellt, aber feiern werde ich trotz Eintrübung durch die höllischen Schmerzen! Es gibt auch ein heiliges Trotzdem!

Der himmlische Friseurbesuch

Kennst du die neue Serien-Verfilmung „The Chosen“ über Jesus? Sie ist derzeit auf Platz 1 der SPIEGEL Bestsellerliste. Sie zeigt Begegnungen von Frauen und Männern des ersten Jahrhunderts mit diesem Jesus. Und er ist so erfrischend anders – voller Lebensfreude, Zuneigung und Verständnis für einzelne Menschen.

Nun in ähnlicher Weise habe ich eine überraschende Begegnung mit Jesus gehabt. Damals Anfang Dezember habe ich noch NULL Haare auf dem Kopf gehabt und das Ende der gefühlt endlos mutenden Chemos ist noch nicht greifbar gewesen:

Ich sitze bei Jesus, dem himmlischen Friseur. Er zeigt mir mit einem Spiegel meinen neuen Haarschnitt: dunkelblond und lockig. Er fragt mich, wie mir mein neuer Haarschnitt gefällt. Dabei lächelt mich Jesus verschmitzt an und meint:

„Jetzt passt und sitzt deine Krone viel besser auf deinem Kopf als vorher.“

Ich bin überwältigt, mit welcher Liebe und Sorgfalt Jesus meine Bedürfnis nach Schönheit und schönen Haaren kennt und ich beginne, mich regelrecht auf meine neuen Haare zu freuen.

Nach schon einem weiteren Monat wächst ganz langsam neuer Flaum. Erst einmal grau!? Doch bin ich so stolz darauf, dass ich immer öfter ohne Kopfbedeckung oder Perücke herum laufe. Allerdings mit schönen neuen langen Ohrringen! Die sind jetzt wichtig.

Ich sehe aus wie das typische Bild, das viele von einer Feministin haben, und muss darüber schmunzeln, da ich so wenige Eigenschaften einer Feministin in mir sehe.

Zwei Monate später – nach diesem Besuch beim himmlischen Friseur – kann ich endlich die letzte Chemo absolvieren. Nach acht langen Monaten der Chemotherapie!!! ENDLICH! Halleluja!

Nach weiteren drei Monaten feiere ich regelrecht meinen neuen Look – dunkelblonde lockige Haare!!! Und feiere Jesus, den besten Hairdesigner!

Himmlischer Papa

Warum kommt die Romanfigur Harry Potter eigentlich so gut bei Kindern und Jugendlichen an? Wodurch können sich so viele Menschen mit Harry identifizieren? Haben Sie sich dies schon einmal gefragt?

Harry Potter wächst bei Stiefeltern auf und fühlt sich in seiner Welt fremd und ungeliebt. Und dieses Gefühl des nicht wirklich Geliebt- und Angenommenseins kennt fast jeder heutzutage zu einem gewissen Grad. Ich auch!

Im Internat stößt Harry Potter auf mehrere Vaterfiguren und erfährt etwas von seiner wahren Herkunft und von den Talenten, die in ihm schlummern. Dies beflügelt ihn und stärkt sein Selbstvertrauen. Es ermutigt ihn, seine Fähigkeiten weiter zu entwickeln und Abenteuer zu bestehen.

Ist dies nicht auch so, wenn wir als Menschen unsere wahre Herkunft kennen würden? Wenn wir erkennen und ergreifen würden, dass wir einen himmlischen Papa haben?

„Geborgenheit“ – Acryl mit Mischtechnik © hsr
Ungewollt,
ungeplant,
eigentlich war ich ein
Betriebsunfall meiner Eltern.

Doch Gott spricht: 
"Bei mir gibt es keine Pannen,
Du bist kein Unglück
und kein Missgeschick."

Ich, dein liebender Vater,
habe dich gewollt und geplant, 
so, wie du jetzt bist,
noch bevor deine Eltern zusammen kamen.

Und wenn du mich lässt,
übernehme ich - für alle Ewigkeit - 
alle Rechte und Pflichten 
eines Vaters für dich."

Kopie oder Unikat?

Manchmal will ich einfach nicht auffallen und lieber als Kopie in der Masse schwimmen. Nur nicht auffallen und anders sein als die anderen! Denn dann gehöre ich vielleicht nicht mehr dazu? Kennst du das auch?

Danke, Herr,
dass Du mich wolltest,
dass ich bin,
dass ich "Ich" bin,
einzigartig,
einmalig.

Keiner hat meine Lebensgeschichte.
Und wenn - keiner hat sie je so erfahren wie ich.
Niemand hat meine Sichtweise der Welt
oder kann meine Empfindungen 
vollständig nachempfinden.

Doch, Herr, ich verstecke mich oft.
Ich habe Angst, etwas von mir und meinen aktuellen Gefühlen preiszugeben.
Vor allem in Gruppensituationen vergrabe ich "mich".
Steckt dahinter nicht die Vermutung,
dass ich ja nicht so wichtig bin,
dass die anderen sich nicht für mich interessieren,
dass Du mich vielleicht doch nicht so einzigartig und einmalig gemacht hast?

Herr, ich wage es,
an meine Einmaligkeit zu glauben,
mich als Geschenk zu sehen.
„Verschlossen“ – Acryltechnik © hsr
Herr, ich wage es,
die Tür zu öffnen
und die Fensterläden meines Lebens aufzuklappen,
Spalt für Spalt,
für Dich und für andere,
damit Helligkeit in meinen
inneren Raum hineinströmen kann.

Durststrecke

Es ist Oktober. Ich sitze in der Gyn-Ambulanz zur Blutabnahme. Meist nehme ich mir etwas zum Stricken mit, denn ich werde wohl wieder lange warten müssen. Warten auf die Blutergebnisse! Warten auf die Ärztin! Warten auf den nächsten freien Stuhl, um die Chemo-Infusion zu bekommen!

Doch ich bekomme schlechte Nachrichten: meine Blutwerte sind zu schlecht, dass sie mir heute keine Chemo geben können. Hm! Was mache ich jetzt? Dabei wurde ich extra mit dem Taxi hergefahren, weil ich ja nach der Chemo nicht so ganz „zurechnungsfähig“ fürs Auto fahren bin. Soll ich mir ein Taxi rufen zur Heimfahrt? Eine neue Situation für mich nach 5 wöchentlichen Chemos! Ich beschließe die 8 km ganz langsam heimzulaufen. Nach dem Mittagessen bin ich davon ziemlich erschöpft und schlafe zwei Stunden.

Die Woche drauf klappt es wieder mit der Chemo. Schön! Denn ich will endlich fertig werden mit dieser Behandlung. Vielleicht schaffe ich es noch vor Weihnachten! So ist meine Hoffnung.

Doch mein Körper „holt“ sich immer wieder Erholungspausen – einmal sogar 4 Wochen lang. Mal sind es nicht genug Leukozyten. Mal sind es die Neutrophile. Die Behandlung zieht sich wie ein Kaugummi. Und ich bin müde von diesem Ausnahmezustand und der ermüdenden Behandlungszeit. Eigentlich hätte ich doch in 12 Wochen fertig sein sollen.

Jesus, warum auch noch das? Warum kann ich die Sache nicht einfach schnell hinter mich bringen?

„Ich stretche dich wie mit einem Thera-Gummi-Band. Es ist keine Überforderung sondern ein Fitnessprogramm für dich – ohne Muskelkater.“

Über diese Antwort bin ich nicht besonders glücklich. Ich frage mich und Jesus:

Soll ich die Chemo abbrechen? Denn der Tumor ist ja komplett weg. Warum brauche ich da noch weitere Chemo?

Ich bewege diese Frage immer wieder vor Gott, aber ich bekomme keine klare Antwort. Nur einen Rat von guten Freunden:

„Hör nicht auf das, was deine Gefühle sagen, sondern nimm wahr, wofür du Frieden (von Gott) im Herzen hast.“

Ich habe keinen Frieden zum Abbrechen, vor allem auch weil die Ärzte mir davor abraten. Also gut. Machen wir – Jesus und ich – weiter mit dieser ermüdenden Behandlung!

Es dauert bis Mitte Februar, dass ich meine letzte Chemo bekomme, dabei hätte ich laut Plan Ende November fertig sein können. Was für eine Training in Geduld und Ausdauer!

Hindernisse überwinden

Manchmal erscheint mir mein Leben so schwer – mit meterhohen Hindernissen:

Wie kann ich in dieser Gesellschaft leben, in der ich (mit ca. 70 % der Bevölkerung) zunehmend das Gefühl habe, nicht mehr frei meine Meinung sagen zu dürfen?

Wie kann ich bei all den Angst schürenden Nachrichten noch optimistisch bleiben (eine Frage, die dem österreichischen Psychiater Raphael Bonelli gestellt wurde?

Wie kann ich mit meinen persönlichen Altlasten wieder einem Mann vertrauen und ihn an mich heranlassen?

Wie kann ich bei allem Social Distancing und erlebter Ablehnung nahe und verbindliche Beziehungen eingehen und leben?

Für mich erscheinen diese Hindernisse manchmal unüberwindlich wie die 3000 m hohen Berge in den Alpen, in deren Nähe ich im Sommerurlaub gewandert bin.

Bei allen Bemühungen, allem Abstrampeln und inneren Aufrufen „Reiß dich am Riemen!“, sie allein und eigen-ständig zu erklimmen, erlebe ich so manches klägliche Versagen und Abrutschen.

Doch, Du, Gott, bietest mir Deine Hilfe an:

„Überwinden“ – Acryl mit Mischtechnik © hsr

Ich darf bei Dir wie bei einem großen Vogel aufsitzen.

Du willst und kannst mit mir zusammen diese Hürden überwinden und der Sonne entgegenfliegen.

Oder wie es König David ausgedrückt und erlebt hat:

Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen (Psalm 18, Vers 30).

Regen Sie sich auf über Regen?

Dieser Sommer ist wirklich nass – zumindest bei uns! Gerade regnet es mal wieder wie aus Kübeln. Doch wird dadurch nicht wieder das Grundwasser aufgefüllt? Und die Wälder atmen auf nach einigen Dürrejahren?

Und braucht es nicht auch für die Dürreperiode der letzten anderthalb Jahre eine Erquickung durch menschliche Nähe und ein Füreinander einstehen sowie eine warme Dusche von oben – durch die Liebe des himmlischen Papas und Jesus, dem Fürst des Lebens?

„Unter dem Strom des Lebens“ – Acryl © hsr

Ich möchte, dass auch von mir „Ströme lebendigen Wassers“ ausgehen und fließen, Ströme, die andere erfrischen und ihnen gut tun.

Erfülle mich mit Deinem Geist, Jesus, und ströme mit Deiner Liebe durch mein So-Sein – so wie ich bin – dass andere durch mich Ermutigung und positive Anregungen erfahren und ihre Stärken und ihr wahres Wesen aus ihnen hervorgekitzelt werden.

Vogel des Willens

Ein Vogel
reglos
lethargisch
mit gebrochenen Flügeln
im Dunkeln.
„Vogel des Willens“ – Mischtechnik © hsr
Mein "Ich will"
gebrochen durch unfreiwillige Unterordnung und 
Sätze wie "Der "Ich will" ist gestorben" 
passiv
von der Hoffnungslosigkeit
gelähmt.


Jesus, ich nehme jetzt
meinen inneren Willen
in meine Hand.

Ich hole ihn heraus 
aus dem Dunkel der Vernachlässigung
und bringe ihn Dir.

Ich setze ihn 
Deiner Liebe und Wärme aus - 
nicht nur heute 
sondern beständig.

Wecke Du durch Deine Sonnenstrahlen
den Lebenswillen des Vogels!
Lass Deine Heilungskraft durch seine Flügel pulsieren,
dass die Flügel wieder tatkräftig werden
zum Flügelschlagen,
zum in die Lüfte Schwingen,
zum Fliegen ohne Erschlaffung.

Plädoyer für die „Liebe“

Fällt dir auch auf, wie negativ oft in den Medien Menschen bezeichnet werden, nur weil sie vielleicht eine andere Meinung wie der Mainstream haben und schnell in die rechte oder linke Ecke gesteckt werden? Und das nicht nur jetzt im Wahlkampf! Wie gehen wir in unserer Gesellschaft mit Andersdenkenden um? Sind wir bereit für einen echten wertschätzenden Meinungsaustausch auf Augenhöhe oder geht es uns nur darum, den anderen für unsere Ansicht zu gewinnen?

Deshalb hier ein Gespräch über die „Liebe“ mit dem Gott, der von sich selbst sagt, dass er Liebe bzw. Beziehung ist (in Anlehnung an das „Hohelied der Liebe“ aus dem 1. Korintherbrief (Kapitel 13).

Die Liebe ist langmütig.

Jesus, Du hast einen sehr langen Atem mit mir. Ich möchte von Dir lernen, andere Menschen und Andersdenkende, Schülerinnen und Schüler und Arbeitskollegen zu lieben, auch in Situationen, in denen sie über mich lästern und schlecht über mich denken und reden. Stärke mich, dass ich ihnen trotzdem Gutes wünsche, auch wenn ich sie und ihr Lästern eine Zeit ertragen muss, dass ich nicht die Hoffnung auf Veränderung für diese Menschen und diese Situation verliere.

Die Liebe ist freundlich.

Jesus, ich möchte gerne Deine Liebe kennen lernen, die es gut mit mir meint, bei der ich keine Angst haben muss, sie aufs Spiel zu setzen, wenn ich versage. Ich möchte Deine Liebe kennen lernen, die mich nach Hause liebt, die mich annimmt und sich an mir freut, so wie ich bin, und diese Liebe an andere weiter geben.

„Infusion Seiner Liebe“ – Ölpastellkreiden © hsr“

Die Liebe ist nicht eifersüchtig.

Jesus, ich möchte lieben lernen, ohne zu vereinnahmen und mich an den Erfolgen und Freundschaften des anderen neidlos zu freuen. Ich möchte meine Liebe so ausdrücken lernen, dass sie den anderen nicht erdrückt, sondern sie loslässt in seine Freiheit hinein.

Die Liebe sucht nicht das Ihre.

Jesus, ich möchte die Freiheit der Liebe kennen lernen. Ich möchte auch Nein sagen dürfen und meine eigenen Grenzen entwickeln. Lehre mich, auch dem anderen die Freiheit zuzugestehen, der zu sein, der er vor Dir ist. Lehre mich, seine Grenzen zu wahren.

Die Liebe freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit.

Jesus, ich erkenne, dass Deine Art von Liebe in der Wahrheit und Echtheit verwurzelt ist. Ich möchte von Dir die Liebe lernen, die nicht heuchlerisch und falsch ist, die nicht anderen Menschen schmeichelt und es doch anders meint.

Die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles und duldet alles.

Jesus, ich möchte gerne Deine Liebe kennen lernen, die größer und weiter ist als die bisher erlebte Liebe. Ich sehne mich nach Deiner Liebe, die mich hält, auch wenn ich in mein eigenes Herz schaue und meine eigene armselige Liebesfähigkeit darin erkenne, die mich nicht darauf festlegt und mir zutraut, mich zu verändern.