Ein Piekser, der es in sich hat!

„Aua“ schreie ich und Tränen laufen mir aus allen Knopflöchern. Der Arzt meint nur ganz gelassen: „So nun haben wir die erste.“ „Aua“, schreie ich wieder und weitere Tränen laufen wie kleine Rinnsale über mein Gesicht. Ich fühle mich ganz benommen von diesem Schmerz. „So jetzt sind wir fertig! Sie können im Wartezimmer Platz nehmen und ungefähr eine Stunde warten.“ Schnell ziehe ich mir etwas über und wanke ins Wartezimmer. Noch immer laufen mir die Tränen. Ich kann sie nicht stoppen. Wie peinlich! Denn im Wartezimmer sitzt eine Frau. Aber ich kann nicht anders. Der erlebte Schmerz kommt immer wieder hoch und lässt mich vor mich hin winseln, wo ich doch sonst eigentlich ganz tapfer bin. Aber solche Schmerzen habe ich noch nie erlebt. Ich versuche mich zu beruhigen. Ich ziehe meine Ohrstöpsel und mein Handy aus dem Rucksack und höre per Youtube Lobpreislieder und sehe durch einen Tränenschleier die dazugehörigen schönen Landschaften an. Dies beruhigt meine Seele ein wenig, wenn da nicht die Whatsapps einer guten Freundin kommen würden, die sich durch ein Foto eines Projekts, das ich ihr so ganz ahnungslos geschickt habe, aufregt, dass die Wessis meinen, sie wüssten alles besser als die Ossis. Oh, da habe ich gerade unbewusst ihren Nerv getroffen. Aber ich kann und mag jetzt nicht mit ihr über Whatsapp darüber diskutieren, nicht in dem Schmerz, der mich gerade benebelt. Tut mir leid, aber jetzt kann ich dein Gejammer nicht anhören und nicht vertragen.

Nach 40 Minuten werde ich wieder ins Behandlungszimmer gerufen. So halbnackt liege ich da und warte. Na gut, ich kann ja meine Antenne zu Gott ausfahren. Überhaupt habe ich mir angewöhnt, im Alltag oder wenn ich in einer Röhre gesteckt werde, leise in der Geheimsprache mit meinem himmlischen Papa zu kommunizieren. Und so liege ich nun da und warte. Die Zeit vergeht. Der Blick zur Arzthelferin ist verdeckt durch die Röhre. Ich bewege mich, um ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen. Mir ist sooo kalt. Sie kommt aus dem Nebenzimmer heraus, an dem sie schon längere Zeit vor dem Computer verbracht hat. Ich erkläre ihr mein Anliegen, dass ich friere, und sie bringt mir eine Decke. Der Arzt lässt auf sich warten. Dann kommt er, und ich zucke zusammen. Er meint: „Jetzt tue ich Ihnen nicht mehr weh!“ Gut so, denke ich, das war vorhin auch wirklich genug. Weiß er überhaupt, wie weh es tut, wenn man einer Frau in die Brustwarze piekst und radioaktives Zeug spritzt? Und das gleich zwei Male! Höllische Schmerzen! Nun werden von meiner rechten Brust von allen Seiten Aufnahmen gemacht. Die radioaktive Flüssigkeit soll von der Brustwarze bis zu den Lymphknoten unter der Achsel wandern und so diese markieren. Ich bekomme sie auch äußerlich mit schwarzem Edding markiert mit dem Auftrag „Bitte nicht waschen!“ Na gut, auf eine Dusche einen Tag vor meiner Brust-OP kann ich verzichten. Der Arzt verabschiedet sich zweisilbig. Endlich darf ich gehen! Nichts wie raus hier! Wo bleibt denn hier die Menschlichkeit? Zu diesem Nuklearmediziner gehe ich nie wieder, denke ich. Der ist mehr an der Medizintechnik interessiert als an seinen Patienten. Wie bin ich froh, dass ich nun endlich gehen darf.

Da war ich auf 11 Uhr bestellt und komme erst um 13.15 heraus. Es ist unser zweiter Hochzeitstag. Ich habe ihn mir schöner vorgestellt. Ich schreibe meinem Mann eine Nachricht und erkläre ihm kurz, dass die Sentinelmarkierung ganz grausam war und ich seelisch noch sehr mitgenommen bin von solch fiesen Schmerzen. Wir treffen uns und radeln gemeinsam los zu dem Restaurant, in dem wir vor zwei Jahren unsere Hochzeit gefeiert haben. Wir müssen uns beeilen, denn die Küche hat nur bis 14 Uhr geöffnet und das Restaurant liegt auf einem Berg.  Wir radeln los – ich mit E-bike und mein Mann mit seinem speziell angefertigten Rennrad, das schon über 20 Jahre alt ist. Ich fahre mit meinem Bike voraus und warte oben auf der Anhöhe auf ihn. Aber er kommt und kommt nicht. Komisch! Sonst ist er doch viel schneller. Ich beschließe zurück zu fahren, und nehme bei einer Wegkreuzung einen anderen Weg. Vielleicht ist er anders abgebogen als ich.

Jesus, lass uns doch in dieser uns unbekannten Gegend wieder zusammenfinden.“

Um die Kurve treffe ich auf Hartmut. Wie gut! Da die Zeit weiter fortgeschritten ist, entschließen wir uns, unser Hochzeitsrestaurant aufzugeben und einfach zu „unserem“ Italiener auf dem Heimweg zu radeln. Ich habe so richtig Hunger und bin schon ein wenig unterzuckert. Doch „unser “ Italiener hat zu, die Zweigstelle hat gerade noch offen und wir dürfen als einzige Gäste noch Pizza und Salat bestellen. Wir bedanken uns besonders und erklären der Kellnerin, dass wir heute unseren zweiten Hochzeitstag feiern. Sie freut sich mit. Natürlich hätte ich auch selbst kochen können, aber so war es doch schöner.

Wie so oft hat mir ein Mittagsschläfchen wieder sehr gut getan. Das hilft mir häufig bei solchen inneren Anstrengungen und Verarbeitung von Schmerz.

Abends habe ich mich dann chic gemacht und mein Hochzeitskleid angezogen. Was soll es auch nur im Schrank hängen? Einmal im Jahr will ich es herausholen und damit unsere Ehe feiern.

Ich habe mir den zweiten Hochzeitstag zwar anders vorgestellt, aber feiern werde ich trotz Eintrübung durch die höllischen Schmerzen! Es gibt auch ein heiliges Trotzdem!

Operation

Heute denke ich an die Diagnose, die ich vor vier Jahren bekommen habe und mich und unser Leben durcheinander geschüttelt und erschüttert hat. Ich staune auch darüber, wie Gott aus dem Negativen und Bösem der Diagnose Gutes hat wachsen lassen: neue Haare, neue Job, neue Beziehungen. So herr-lich ist Gott!

Und ich erinnere mich an die OP:

Heute ist der Tag! Mein Köfferchen ist gepackt. Ich bin bereit. Mein Mann segnet mich und stellt mich unter den Schutz meines himmlischen Papas und fährt mich zum Krankenhaus und übergibt mich den Krankenschwestern für die OP-Vorbereitung. Ich bin die vierte auf der Liste. Na, das hört sich gut an. Ich habe mir schon vorgestellt, wie es sein würde, durstig und ausgetrocknet auf eine OP zu warten und dann erst nachmittags dranzukommen und wie dann die Angst häppchenweise in mir hochklettern würde.

Einige Tage vor der OP klopft die Angst vor der Narkose, vor der OP, vor den möglichen Schmerzen und dem Krankenhausaufenthalt an und will mich bedrücken.

Danke, himmlischer Papa, dass du zärtlich fürsorglich und gut bist. Ich entscheide mich, dir, meinem Ratgeber und Friedefürst mehr zu glauben als den aufkommenden Ängsten und Lügen.

Ich habe eine andere Strategie: ich möchte einen spannenden israelischen Krimi lesen. Ich frage die Krankenschwester, ob ich ihn bis kurz vor der OP lesen kann. Sie ist eine Nette und erlaubt es mir. So kann ich meine Gedanken auf etwas anderes lenken und diesen Krimi wollte ich schon lange mal lesen. Doch vorher gibt es ein Problem. Der Radiologe hat Schwierigkeiten, das Tumorbett zu lokalisieren. Bei der letzten Mammographie vor einem Monat konnte der eingebaute Clip nicht mehr klar identifiziert werden. Er probiert eine Möglichkeit, ihn zu orten, doch dieser Versuch scheitert an technischen Problemen. Innerlich wende ich mich an meinen himmlischen Papa und bitte ihn um eine Lösung. Der Radiologe beschließt, es eben doch nochmal mit einer Mammographie zu versuchen, und siehe, da, der Clip ist sichtbar. Er betäubt die Brust mit einer kleinen Spritze und kann seinen Draht bis zum Clip hinein schieben.

Von der OP bekomme ich nichts mit und bald liege ich auf Station. Jetzt darf ich wieder trinken und erwarte sehnsüchtig das Abendessen, das ich mir aussuchen darf. „Es ist gut verlaufen“ meint der operierende Arzt abends. „Ich glaube, wir haben alles herausgenommen“. „Schön!“, sage ich hoffnungsvoll.

„Wollen Sie eine Thrombosespritze oder ein wenig umher laufen?“ werde ich von einer Krankenschwester gefragt, die zugibt, dass die Thrombosespritze nicht auf der Ausgabeliste für mich steht. Nach meinen gestrigen Erfahrungen von dem Piekser, der es in sich hatte vom Nuklearmediziner, entscheide ich mich für vorsichtiges Herumlaufen. Hätte der Nuklearmediziner es nicht auch so machen können wie der Radiologe heute Morgen und mir eine lokale Betäubung geben können? Ich spüre, wie mir dies keine Ruhe lässt und wie ich immer noch Groll gegen diesen Arzt hege. Mein himmlischer Papa flüstert mir ins Ohr und fragt mich, ob ich bereit bin zu vergeben. Doch in meinen Emotionen tobt es noch immer: Wie kann er so gefühllos und unsensibel sein und Frauen wie mir keine örtliche Betäubung anbieten? Doch ich treffe eine Willensentscheidung – ohne bzw. gegen meine Gefühle.

Jesus, du hast mir so viele Fehler vergeben, wo ich dich bewusst oder unbewusst verletzt habe. Du hast für mein „Zu-Schulden-kommen“ am Kreuz unter Todesqualen gelitten, damit Freiheit von Schuld und Scham für mich möglich wird. Und so entscheide ich mich jetzt, diesem Arzt zu vergeben, dass er mir so wehgetan hat. Und ich entlasse ihn in die Freiheit meiner Vergebung und werde es ihm nicht nachtragen. Ich danke dir für die empfangene Vergebung.

„Festhalten“ – Mischtechnik mit Gipsbinden © hsr

Ich spüre eine befreiende Leichtigkeit aufkommen. Meine Gefühle für den Arzt werden schon noch meiner Willensentscheidung folgen. Und einige Tage später gebe ich ihm eine freundliche und positiv formulierte Patientenrückmeldung ab, in der Hoffnung, dass andere Frauen besser – mit weniger Schmerzen – behandelt werden.

Im Krankenhaus höre ich Lobpreislieder mit den Stöpseln im Ohr oder plaudere mit meiner Bettnachbarin mit stattlichen 88 Jahren auf dem Buckel. Wie schön, dass ich schon wieder aufstehen und langsam mit den Drainagen in einer Tasche versteckt herumlaufen kann. So nutze ich die sonnigen Tage und lese im Park meinen angefangenen Krimi.

Von den Ärzten angeordnet muss ich einen speziellen engen BH Tag und Nacht tragen und darf nicht schwer tragen. Auf Fahrradfahren und anderen schweren Sport soll ich für 6 Wochen auch verzichten. Das ist eine lange Zeit für eine begeisterte E-Bikerin wie mich!!! Ich entwickle eine neue Strategie: Ich frage eine andere Ärztin. Sie verkürzt auf 4 Wochen. Bei dem Abschlussgespräch nach 3 Wochen frage ich wieder und ich bekomme eine zufriedenstellende Antwort: „Sie dürfen den Arm schon wieder richtig, wenn auch vorsichtig, bewegen und Fahrrad fahren dürfen Sie auch!“ „Außerdem wurden keinerlei bösartige Krebszellen im Tumorbett und in den zwei Lymphknoten, die wir entfernt haben, gefunden.“

Wie glücklich und dankbar bin ich über diese Aussage, wo ich doch vorher nochmals die wichtigen Worte, die Gott mir durch die Bibel zugesagt hat, laut über mir ausgesprochen habe. Für mich sind solche Zusagen Gottes wie der Stab, auf den man sich beim Hochsprung stützt, um die notwendige Höhe zu bekommen, um über das Hindernis zu springen.

Einsatz für das Leben

Wir fliegen eine Woche nach meiner OP mit einer Reisegruppe von 22 Leuten nach Israel. Ich sehne mich danach, mal nicht nur Krankenhaus- und Arzttermine wahrzunehmen. Tapetenwechsel wird mir gut tun.

Wir bereisen den Norden bis zur libanesischen und syrischen Grenze und den Süden bis zur Grenze zu Gaza, den Westen rund um Tel Aviv und Judäa und Samaria. Ich staune über das Land und die jüdischen Bewohner, wie sie sich für ihr Leben – Überleben im Land – vor der Staatsgründung bis heute mit ihrem ganzen Leben einsetzen, trotz der Gefahr und die täglichen Ängste, ob die eigenen Kinder auch sicher in die Schule und von der Schule heim kommen werden, denn die meisten Terrorakte finden genau zu diesen Uhrzeiten statt.

Ich beginne ein wenig mehr zu begreifen, dass uns Menschen zwar das Leben hier auf der Erde von Gott geschenkt wurde, dass es aber auch einen Feind gibt, der mit Krankheit, Schicksalsschlägen und Auseinandergehen von Beziehungen uns das Leben stehlen will. Manche geben sogar Gott die Schuld dafür – das tut mir weh! Wenn ich nichts tue mit der inneren Einstellung “Es kommt doch alles, wie es kommen muss“ gebe ich diesem Räuber eine offene Einladung: „Komm, nimm mir doch meinen Lebenssaft!“ Dabei bietet Jesus das Leben in Fülle an, in dem er sagt:

„Der Dieb kommt nur, um die Schafe zu stehlen und zu schlachten und um Verderben zu bringen. Ich aber bin gekommen, um ihnen Leben zu bringen – Leben in ganzer Fülle.“ (Johannesevangelium Kapitel 10, Vers 10 nach NGÜ)

Doch dieses Leben im Hier und Jetzt und auch das kommende Ewige bekomme ich nicht automatisch. Ich muss es wie ein Geschenk von Jesus auf mich beziehen und in meine Hände nehmen und auspacken. Und wenn der Räuber mir wieder Lebensfreude oder inneren Frieden durch Krankheitssymptome nehmen will, geht es mir darum, dass ich dieses geschenkte Leben verteidige, und ich sage laut vor mich hin:

„Hau ab! Du hast hier nichts zu suchen. Weg mit den Symptomen! Ich nehme sie nicht an!“

Und bildlich gesprochen greife ich in die himmlische Schatzkammer und hole mir Gelassenheit, Trost, Zuversicht und Heilung.

Zugang zu Gottes Schatzkammern – Aquarell © hsr

Auch wenn ich nicht immer gleich eine sofortige Heilung oder Veränderung spüre, gehe ich glaubend davon aus und tue so, als ob die positive Veränderung schon von Gott auf dem Weg zu mir ist und ich sie bald zu 100% in meinen Händen halten werde. Das allein ist ein dauerhaftes Trainingsprogramm, das ich mit meiner Auszeit begonnen habe.

Strahlentherapie

Mit einem CT werden Ende April alle Vorbereitungen zur Strahlentherapie eingeleitet. Dabei hat mich der Arzt eine gute Stunde über Bestrahlung zugetext, dass ich nur noch ein unangenehmes Gefühl aber keinerlei Info über die Strahlentherapie mit nach Hause nehme. Sie soll täglich für ein paar Minuten sein. Ganz schön zeitaufwendig! Außerdem ist mir ein wenig bange, wie sich die Strahlentherapie anfühlen wird, ob ich sehr müde danach sein werde. Schon die Vorstellung, dass ich jeden Tag in diese dunkle Kammer muss, behagt mir nicht sehr.

Doch ich entscheide mich, daraus etwas Positives zu machen: ich radle jeden Tag mit dem E-Bike ca. 30 min hin und nach der Behandlung wieder zurück und freue mich an der Sonne und singe und rede mit meinem himmlischen Papa in der himmlischer Sprache, die er mir geschenkt hat.

Während der Bestrahlung bete ich:

Jesus, bestrahle mich mit Deiner Sonne – you are the Son!

Und um Bewahrung vor zu vielen (schädlichen) Strahlen und deren Nebeneffekten wie Verbrennungen:

Der Herr behütet dich; der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts. (Psalm 121, 5-6)

Die Glut der Sonne – Aquarell © hsr

Doch in der Zeit beschäftigt mich sehr stark meine berufliche Zukunft. Ich träume viele Schulsituationen. Kann ich wieder an die Schule zurückkehren? Schaffe ich es? Kann ich den Geräuschpegel ertragen und die vielen gleichzeitigen Anforderungen? Ich fühle mich bei Menschenansammlungen so schnell überfordert. Doch ich war auch gerne Lehrerin und mag es sehr, junge Menschen zu begleiten und ihnen etwas beizubringen.

Eines Tages sagt Gott zu mir:

„Heike, die Welt ist dein Klassenzimmer. Das ist keine Beschränkung, dass du aus dem aktiven Unterrichten herausgehen wirst, sondern eine Beförderung und eine Ereweiterung deines Gebietes.“

Wie dies konkret aussieht, verstehe ich zwar nicht. Doch Klarheit und Friede kommt in meine Zukunftsfragen.

„Auli“

Mein Mann hat mich 6 Wochen nach der letzten Bestrahlung zur Reha nach Aulendorf gefahren. Es ist meine erste Reha – Rehabilitation d.h. Wiederherstellung

Jesus, das wünsche ich mir – vollkommene Wiederherstellung!

Schon beim Warten auf die Aufnahme sehe ich viele Menschen, die richtig krank aussehen und z. T. mit Rollator laufen müssen oder Kehlkopfkrebs hatten und anders sprechen.

Nach dem Aufnahmegespräch mit der Ärztin komme ich in mein schönes großes Zimmer mit Balkon. Es wirkt wie ein friedlicher Ort. Die anderen Patienten sind freundlich und ich lerne schnell ein paar nette Frauen in meinem Alter kennen. Danke, Jesus!

Ich merke schnell, dass ich hier ein gutes Gespür für meine Bedürfnisse brauche, wann es Zeit ist zum Zusammensein mit anderen und zum Zuhören und wann Alleinsein mit meinem himmlischen Liebhaber dran ist.

Herr, hilf mir dabei.

Am zweiten Abend spaziere ich zur nahegelegenen Schönstattkapelle auf einer Anhöhe. Ich freue mich riesig, dass ich von hier die Alpen sehen kann. Die schneebedeckten Berge sind schon lange für mich ein Gruß des himmlischen Papas. Als ich da so dieses Panorama genieße, sehe ich wie einer der Fußball spielenden Jugendlichen auf dem Fußballfeld gleich unter der Anhöhe stürzt und liegen bleibt. Zuerst denke ich mir nichts dabei. Doch als die anderen Jugendlichen sich um den jungen Mann herum knien, bin ich besorgt und frage, ob sie Hilfe brauchen können. Ja! Ich bitte einen Passanten, der seinen Hund ausführt, ob er einen Notruf absetzen könne, ich selbst weiß ja gar nicht so richtig, wo ich hier bin. Ich bemerke, wie die Jugendlichen abwechselnd Herzmassage und Nasen-Mund-Beatmung durchführen. Ich laufe zum nächstliegenden Konferenzzentrum, um zu erfragen, ob es dort einen Defibrillator gibt, doch bekomme ich keine Antwort und stehe vor verschlossenen Türen. Nun wenn ich nicht praktisch helfen kann, dann habe ich eben einen Gebetsauftrag für diesen mir völlig unbekannten jungen Mann. Es kommen immer mehr Jugendliche, die diesen Mann kennen. Ich gehe ein wenig auf Abstand, um nicht so eine typisch Schaulustige zu sein und bete für das Leben dieses Mannes, „was das Zeug hält“. Dann sehe ich endlich, wie ein Notarztauto und Krankenwagen kommen und die Sanitäter und der Arzt versuchen, den Mann wieder zu beleben und ihn schließlich mitnehmen. Ich gehe zurück zur Klinik. So habe ich meine erste Erkundungstour nicht vorgestellt.

Neben Atem- und Beckenbodengymnastik und Gehen stehen bei mir auch Kunsttherapie in Form von Malen und Schreiben und Musiktherapie und Singen auf dem Programm. Beim Singen sitzen wir im Kreis und singen Volkslieder auf Zuruf. Das Ganze ist ohne musikalische Begleitung und klingt für meine Ohren schräg. Abends gehe ich zu einem Gitarrenkonzert, da ich spanische Gitarrenmusik sehr gerne habe. Ich bin überrascht und bald auch überreizt von so vielen disharmonischen Tönen und einem Künstler, von dem nichts an positiver Stimmung rüberkommt – und das in einer onkologischen Klinik! Nach dem Konzert komme ich mit einer Frau aus einer anderen Klinik ins Gespräch. Sie erzählt von einer gedrückten Stimmung in der Klinik, da ein junger Mann beim Fußball spielen zusammengebrochen und im Krankenhaus gestorben ist.

Oh, das war der Mann, für den ich so gebetet habe! Verstehen kann ich das nicht, Gott!

Jesus legt mir nahe, dass ich zur inneren Stärkung in diesem Umfeld das Abendmahl einnehme. Und es hilft mir, täglich Seine Liebe und übermäßige Fürsorge für mich zu vergegenwärtigen.

Foto vom Steegener Seebad © hsr

Wie gut, dass ich mein Fahrrad mitgenommen habe! So kann ich jeden Tag zum Steegener See radeln, um dort eine Runde zu schwimmen. Dieser warme Moorsee mit wunderschönen Seerosen im Wasser sind so ein schöner Anblick und die Ruhe dort kann ich mehr genießen als im Thermalbad, das an die Klinik angrenzt. Außerdem fahre ich an den Wochenenden oder an freien Nachmittagen gerne weg und erkunde die Gegend: Bad Schussenried oder Bad Waldsee mit dem Fahrrad, Ravensburg und Friedrichshafen mit der Bahn. Ich liebe es, schöne Natur und Umgebungen zu entdecken, wie es meine neuen Elfchen oder Haikus beschreiben:

Gott
genialer Schöpfer
kreativ und vielfältig
Er sprüht vor Ideen
herr-lich!
Schöpferisch tätig
pure Schönheit und Vielfalt
Gott übertrifft sich.

Außerdem brauche ich Auszeiten von den „Negativ-Plauderer“, wie ich sie nenne. Viele Menschen erzählen ihre Krankheitsgeschichte – das ist ja auch, was uns verbindet – doch Gespräche über Rezidive und Tumore oder Polyneuropathie etc. werden mir schnell zu viel. So viel Leid, Krankheit und „Todesgeruch“ an einem Ort. Um diese Situation zu verarbeiten, entstanden die folgenden Gedichte:

Schlapp
Mich aufraffen
Nicht liegen bleiben
Ich will wieder leben
Auferstehung!
Dich will ich nicht mehr!
Du bist überwunden, Krebs!
Bleib mir vom Halse!

Ich bekomme Besuch von meinem Mann und wir unternehmen eine kleine Wanderung. Oder ich bekomme Besuch von einer Freundin, die in der Nähe wohnt. In Friedrichshafen treffe ich eine Freundin, die ich schon 37 Jahre kenne. Wir fahren mit der Fähre nach Romanshorn und wieder zurück und genießen tiefe Gespräche und das Seelüftchen an diesem heißen Tag. Das ist so wohltuend.

Ich richte mich auf.
Er eröffnet mir Zukunft.
Gute Aussichten!