Rohzustand

Jesus, ich fühle mich so, als ob ich keine Haut hätte und rohes Fleisch überall hervorschaut, so unendlich verletzlich. Und ich weiß jetzt, dass viele Grenzüberschreitungen und Manipulationen mich in diesen Zustand gebracht haben.

„Von Glassplitter verletzt“ Mischtechnik -© hsr

In diesem „Rohzustand“ bin ich zwischen Wut und Nicht-Wahr-Haben-Wollen gegenüber dem Schuldigen hin- und hergerissen. Ich kann mich selbst kaum aushalten.

Doch, Gott, Du hältst mich – in und mit – meiner Not aus.

Du bist stark genug, von diesem inneren Schmerz nicht überwältigt zu werden. Und Du kannst mir wieder selbst Hoffnung auf Heilung geben.

Zärtlich liebender Vater, umgib mich mit dem Mantel Deines Schutzes und der Geborgenheit.

Hindernisse

Manchmal erscheint mir mein Leben so schwer, mit meterhohen Hindernissen:

Wie kann ich nur meinen abgrundtiefen Ekel, meine Scham, meine Schuldgefühle, meine Wut – gegenüber mir und dem Täter – überwinden?

Für mich sind diese Hindernisse unüberwindlich wie der Mount Everest. Bei allen eigenen Bemühungen, allem Abstrampeln, sie eigenständig erklimmen zu wollen, werde ich kläglich versagen und abrutschen.

Wie kann ich mit diesen Altlasten jemals wieder fröhlich sein, einem Menschen vertrauen und ihn an mich heranlassen, eine Beziehung verbindlich eingehen?

Doch, Du, Gott, bietest mir Deine Hilfe an:

„Überwinden“ Collage – © hsr

Ich darf bei Dir, wie bei einem großen Vogel, aufsitzen. Du willst und kannst, mit mir zusammen, diese Hürden überwinden und der Sonne entgegenfliegen.

Der Eisberg in mir

Der Eisberg in mir, kaum wahrnehmbar, schmilzt. Die ihn umgebende Wärme der Liebe Gottes lässt ihn langsam auftauen, an der Oberfläche zu Wasser schmelzen.

Doch er schmilzt auch von innen. Wasser taut und fließt ab. Gletscherspalten entstehen und irgendwann bricht ein gefrorener Eisbrocken ab.

„Schmelzender Eisberg im Jasper National Park in Kanada“ © hsr

Jesus, durch die Erfahrungen des Missbrauchs habe ich mich innerlich zusammengezogen. Ich bin kalt geworden und erstarrt. Ich bin ein Eisberg – „cool“ – unfähig, wirklich zu lieben und Liebe an mich heranzulassen. Komm Du und wärme mich von außen durch die Sonne Deiner Liebe, dass – langsam, aber sicher und stetig – meine harte Eiskruste schmilzt und von mir Wasser abfließt, das andere erfrischt.

Jesus, komm Du mit Deinem Feuer auch von innen in mich hinein. Schmelze und reinige mich, dass meine „coolen“ Verhaltensweisen der Distanz und der Abwehr von mir abfallen.

Warum?

Warum, Jesus? Warum ich? Ich verstehe Dich einfach nicht. Warum musste mir so etwas zustoßen? Hättest Du dies nicht alles verhindern können? Wo warst Du damals? Was hast Du gespürt, als es passierte? Oder hast Du einfach weggesehen?

„Fragen ohne Antwort“ Mischtechnik © hsr

Jesus, Du bist eine gute Adresse für meine Warum?-Fragen. Meine Klage ist bei Dir gut aufgehoben. Du kannst mich in meinem Schmerz aushalten. Menschen würden sich jetzt abwenden. Sie können es nicht ertragen, wenn man so viel klagt, und erst gar nicht, wenn man sie persönlich anklagt. Doch bei Dir, Jesus, bin ich in guter Gesellschaft. Du selbst hast im größten Schmerz, als Du am Kreuz hingst, gerufen: „Warum hast Du, Gott, mich verlassen?“ Und so bist Du bestens in der Lage, mein Schmerz zu verstehen und meine Wut auszuhalten.

Du hast zwar den Schuldigen nicht bei seiner Tat aufgehalten, doch Du hast geweint, als es passierte. Du hättest mich danach am liebsten in die Arme genommen und mich wie ein liebender Vater geherzt. Du hast die Nachsorge für mein blutendes Herz übernommen und mir versprochen, dass trotz allem, Dein Wirken an mir sichtbar wird.

Jesus, ich glaube Dir.

„Alle Männer sind Schweine“

Männer,

ich bin so wütend auf sie, auf ihre Grenzüberschreitungen, ihre gutgemeinten Ratschläge, wo ich sie nicht erbeten habe, ihre Erwartungen, dass ich immer die Gebende sein soll und ihre subtile Kritik.

„Misogyn angegriffen“ Collage © hsr

Ich bin wütend, wenn ich vor vollendete Tatsachen gestellt werde und mich als Frau ohne Nachfragen unterordnen soll oder wenn ich als Frau keine eigene Meinung haben soll. Ich fühle mich von diesen Frauenfeinden kleingemacht, abgewertet und ausgenutzt.

Jesus, ich bringe Dir meine Wut und den Hass auf Männer. Vergib mir, wo ich meinen Hass auf einige Männer verallgemeinernd auf alle Männer übertragen habe. Viele sind nicht so, wie Du sie Dir erdacht hast. Sie haben aus ihrem freien Willen heraus beschlossen, nur sich selbst zu sehen, den unreinen Begierden ihres Herzens zu folgen und Frauen mit ihren Blicken zu Objekten zu reduzieren.

Jesus, auch wenn diese Wut noch in mir lodert, so will ich diesen Männern doch vergeben. Ich will ihnen vergeben wollen. Hilf Du, dass meine Gefühle dieser Willensentscheidung hinterherhinken, so dass ich diese Männer, die mich verletzt haben, loslassen kann und nicht mehr mit ihnen abrechnen will.

Stell Du Dich, Jesus, zwischen mir und ihnen mit Deinem Schutz und hilf mir bei weiteren Grenzüberschreitungen und Manipulationen, mich positiv zu wehren und Grenzen zu ziehen, eigene Wünsche und Bedürfnisse angemessen auszudrücken.

Ich will einen Blick in mein Innerstes wagen

Soll ich es wagen – ein Blick über meinen Rand?
Mich der Wahrheit stellen?
Oder lebe ich nicht viel besser in der Illusion,
in der Verdrängung von Gewesenem?
Jesus, ich wage es.
Vor mir tut sich ein Abgrund auf,
ein stinkendes Schlammloch mit grenzenloser Tiefe.
Ich falle
Angst
Nichts zum Festhalten
Hoffnungslosigkeit
Keine Chance zur Verlangsamung
Verzweiflung
Nichts
Nur Gestank wie in einem verstopften Abflussrohr
Ekel
Nur glitschiges Etwas, das mich beim Fallen berührt.
Brechreiz

Ich schreie zu Dir, mein Gott:

Herr, hol Du mich aus dem Sumpf meines Lebens!
Hilf mir!

„Im Abflussrohr“ Collage © hsr